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Silicon Valley : Das Tal der gebrochenen Versprechen

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Burritos für die Tech-Industrie

„Community-based portraiture“ nennt Meehan das, und die Community, um die es ihr geht, das sind die Verlierer des Silicon Valley, diejenigen, die es gerade noch hier aushalten. Wir treffen die Menschen, die in den großen Firmensitzen niedere Dienste verrichten; wir treffen die Menschen, die im Wohnmobil leben müssen, weil anderer Wohnraum mittlerweile zu teuer geworden ist; wir treffen Hausbesitzer, die sich weigern, an die Internetgiganten zu verkaufen, und Gewerkschafter, die versuchen, die unsichtbaren Arbeiter, die Autos parken, die Bürogebäude säubern und die Burritos rollen, endlich als Teil der Tech-Industrie sichtbar zu machen.

Meehans Valley ist aber nicht nur von einer krisenhaften Gegenwart gekennzeichnet. Auch die Altlasten der Vergangenheit sind ihr Thema. Sie zeigt, dass diese Region, in der die Welt eine neue, bessere, sauberere Form von Industrie sehen will, immer noch von den Giften beherrscht wird, vermittels derer die Mikrochips und Halbleiter am Anfang des Silicon Valley gemacht wurden. Santa Clara County, Heimat der hochpreisigen Suburbs und hoch dotierten Firmensitze, hat, wie Turner in seiner Einleitung bemerkt, die meisten „Superfund Sites“: verseuchte Gebiete, die die amerikanische Umweltbehörde über Jahrzehnte entschlacken muss. Viele davon sind die ehemaligen Firmengelände von Riesen wie Intel und Hewlett-Packard, die noch heute die Gegend dominieren.

Das existentielle Unbehagen der Besserverdienenden

Die Fotografien geben dieser manchmal so abgehoben, ja zeitlos wirkenden Region ihre Geschichte zurück: Sie zeigen die bescheidenen Wohngegenden an der Bay von San Francisco, wo die kleinen Einfamilienhäuser und Kirchen vor allem schwarzer und mexikanischer Communitys rasant dem Expansionsdruck von Facebooks Hauptquartier anheimfallen. Sie zeigen die Verwerfungen der Finanzkrise von 2008, von denen sich die glitzernden Firmensitze so schnell erholt haben, aber so viele, die in ihnen oder um sie herum arbeiten, eigentlich nie.

Sie richten auch einen verständnisvollen Blick auf die Neuankömmlinge, auf die Alteingesessene so gern schimpfen, und auf die Erfolgreichen, die eigentlich Gewinner sein sollen. Aber auch hier spüren sie die Zerrüttungen auf. Ein geradezu unheimliches Foto zeigt eine junge, erfolgreiche Familie in ihrem Zwei-Millionen-Dollar-Haus in Los Gatos, das sie 2016 gekauft hat – und das zu möblieren sie sich trotz eines Jahreseinkommens von mehr als 350.000 Dollar noch immer nicht leisten können.

Flachheit und Unbeholfenheit

Das „fraying America,“ das „auseinanderbrechende Amerika“ des Untertitels, ist deshalb auch keine Geschichte von zwei Amerikas, dem reichen und armen, dem weißen und schwarzen, dem Amerika der Hinzugezogenen und Alteingesessenen. Es ist ein Amerika, in dem noch die privilegierteste Enklave in der privilegiertesten Region zerrüttet und zerfurcht ist. „Was mich überraschte“, schreibt Meehan in ihrem Nachwort, „war das spürbare Unbehagen in Silicon Valley“, eine Unruhe, die vom „untersten Rand des Einkommensspektrums“ reicht „bis hin zu den Besserverdienern, deren Unbehagen existenziellerer Natur ist“.

Für den flüchtigen Betrachter erschließt sich Silicon Valley selten als mehr als ein Versprechen. Sehenswürdigkeiten hat es nicht, seine Opulenz ist zugleich von jener Flachheit und Unbeholfenheit, die amerikanischen Suburbs generell eignet. Was diese flache, zersiedelte Landschaft an der Bay von San Francisco jedoch hat, das ist Zukunft. Zukunft und Versprechen. Weder das eine noch das andere aber scheint Mary Beth Meehans Kamera in Silicon Valley gefunden zu haben. Mag der Rest der Welt in dieser Gegend auch Jay Gatsbys grünes Licht ausmachen – Turners und Meehans Protagonisten stemmen sich gegen den Strom und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.

„Seeing Silicon Valley: Life Inside a Fraying America“ von Mary Beth Meehan (Fotos) und Fred Turner (Text). University of Chicago Press, 112 Seiten, circa 22 Euro.

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