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Sigmund Freud: „Unterdeß halten wir zusammen“. Briefe an die Kinder : Ich bin nicht für Vertuschen eingenommen

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Bild: Verlag

Leider fehlen die Antworten: Sigmund Freuds Briefe an seine Kinder geben noch einmal Anlass, den stoischen Stilisten zu bewundern.

          Was ist ein Vater? Die entschiedenste Bestimmung dessen, was Sigmund Freud psychoanalytisch unter einem Vater verstand, hat er 1911 in seiner Deutung von Daniel Paul Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ gegeben, die er als „autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia“ interpretierte. Der Vater ist das erste Ziel von Projektionen. Man stellt sich etwas anderes unter ihm vor, als er tatsächlich verkörpert, und die Wucht dieser unaufhebbaren Ambivalenz trifft die Kinder desto unvermittelter, je weniger sich der Vater ihr stellt. Im Falle des paranoischen Verfolgungswahns von Daniel Paul Schreber verkehrte sich die Vaterliebe, wie Freud gezeigt hat, in ihr Gegenteil: An die Stelle uneingestehbarer Liebe trat der Hass, „weil er mich verfolgt“, was eine ganze Reihe seiner Stellvertreter, allen voran Schrebers Psychiater und „Verfolgergott“ Paul Emil Flechsig, in Freuds Augen kaum verhüllten.

          Zu diesem Zeitpunkt waren Freuds sechs eigene, mit Martha Bernays gezeugten Kinder Mathilde vierundzwanzig, Martin zweiundzwanzig, Oliver zwanzig, Ernst neunzehn, Sophie achtzehn und Anna sechzehn Jahre alt. Bis auf die bereits veröffentlichte Korrespondenz mit Anna (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006) liegen Freuds Briefe an die Kinder jetzt gesammelt in einem Band vor. Sie sind so fürsorglich, wie man sie sich von einem dank seiner psychoanalytischen Reflexionen unvoreingenommenen, von der Arbeit aber gänzlich in Anspruch genommenen Vater nur wünschen kann. Den Kindern bleiben bis auf die gemeinsamen Mahlzeiten nur die Ferien, die Freud sich gleichzeitig für das Schreiben seiner Bücher vorbehielt, deren Honorare er wiederum freimütig an die Kinder und Enkel verschenkte. Umso größeres Gewicht mögen später die Briefe des Vaters gehabt haben.

          Der scharfzüngige Gründervater der Psychoanalyse

          Zu den privaten Charakterzügen Freuds, die in der Familienkorrespondenz sichtbar werden, gehört sein Hang zum Glücksspiel, der mit der Gemeinnützigkeit gerechtfertigt wurde. Der Tochter Mathilde schrieb er am 5. März 1908 zur Ziehung der Wiener Armenlotterie zwei Tage zuvor, für die als Hauptgewinn 20 000 Goldkronen ausgesetzt waren: „Von Onkel habe ich noch keine Nachricht, ob wir den Haupttreffer am 3 März gemacht haben, in welchem Falle ich die Mohrenwäsche hier unterbrechen u Dich in Meran besuchen würde.“ Der Herausgeber gibt zur Wendung „Mohrenwäsche“ die Auskunft: „Ein damals geläufiger Ausdruck für eine unmögliche Aufgabe, den Freud öfters für die psychoanalytische Behandlung verwendet hat“. Bemerkenswert, wie beiläufig und scharfzüngig der Gründervater der Psychoanalyse selbst das Bewusstsein von der Vergeblichkeit seines eigenen therapeutischen Tuns pointiert mit einem Witz abtut.

          Hier steht, wie so oft in den gerade in ihrer meisterhaften Knappheit dramatisch zugespitzten Briefen an die Kinder, vieles auf der Kippe: das stete, von Freuds unbeugsamem Arbeitsethos geprägte und offenbar sehr erfolgreiche Bemühen, sich dank des Glücksversprechens eines zufälligen Lotteriegewinns finanziell unabhängig zu machen; gleichzeitig aber auch die beiläufig überspielte Not, deshalb zu seinen Kindern nicht kommen zu können.

          Der erfahrene Herausgeber Michael Schröter enthält uns nur zwei Dinge vor: Faksimiles von Freuds Handschrift einerseits und Umrechnungstabellen und Vergleichsgrößen wie Brot- oder Bücherpreise andererseits, die nebenbei die sich zu Freuds Lebzeiten zweimal überstürzende Inflation nach dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg veranschaulicht hätten. Schröter stellt es als notwendig hin, dass er auf die Gegenbriefe der Kinder bis auf wenige Beispiele und Ausschnitte verzichtet hat. Es ist aber doch sehr zweifelhaft, dass die Leser sich tatsächlich gelangweilt hätten, wie die Einleitung mit den Wendungen „gewöhnlich privat und für Nicht-Beteiligte uninteressant“ und „trivial“ suggeriert.

          Das entfernte Echo auf ein Echo seiner Kinder

          Die vorliegenden Briefe gewähren jedenfalls wenig Einblick in die wechselseitige Psychodynamik der Vater/Kind-Beziehungen, weil der Raum ihres Widerhalls arg eingeschränkt wurde und nur gelegentlich in Freuds Briefen das entfernte Echo auf ein Echo seiner Kinder zu vernehmen ist. Umso strahlender tritt noch einmal der Stilist Freud in den Vordergrund. Er zeigt sich gerade dort, wo er seinen Kindern in der eigenen Illusionslosigkeit ein Vorbild im stoischen Erdulden von Schicksalsschlägen sein will, wenn er etwa am 7. Oktober 1920 an den mit einem Lungenkatarrh aus dem Feld zurückgekehrten Sohn Ernst auf dessen Hochzeitsreise schreibt: „Nun freut es mich gar nicht, Dir den schönen Ausflug nach Italien zu verderben, aber ich bin nicht für Schonen u Vertuschen eingenomen u weiß, dass man Illusionen zu theuer bezahlt“. Mit diesem Verweis auf das eigene Selbstwissen wollte er den Sohn zu einer Kur bewegen.

          Es bedeutete großen Aufwand, alle diese Briefe zusammenzuführen. Die vorbildlich kommentierte Ausgabe wird durch zum Teil bislang unveröffentlichte Fotografien illustriert und durch ein Personenregister erschlossen. Eltern und Kinder werden sie im gemeinsamen Unverständnis füreinander und in der ungeteilten Liebe gegeneinander lesen, wenn hier auch ein außergewöhnlicher Vater federführend ist.

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