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: Sie wollen zum Mann vom "Spiegel"? - Zimmer 6101

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Ende September 2005 saß der rasende Reporter Matthias Matussek im Hamburger Schauspielhaus. Er schaute sich die Premiere von Ibsens "Die Frau vom Meer" an. Matussek wurde es an diesem Abend bald zu warm, er zog sich sein Jakkett aus (warum unter falschen Zwängen leiden?), und dann saß er da (wie ...

          Ende September 2005 saß der rasende Reporter Matthias Matussek im Hamburger Schauspielhaus. Er schaute sich die Premiere von Ibsens "Die Frau vom Meer" an. Matussek wurde es an diesem Abend bald zu warm, er zog sich sein Jakkett aus (warum unter falschen Zwängen leiden?), und dann saß er da (wie auf dem Sprung und sich immer wieder zu seiner Begleitung mit Kommentaren hinneigend), in einem weißen Hemd und mit bunten breiten Hosenträgern (das sah sehr umgänglich und amerikanisch aus). Er fand den Ibsen in der Inszenierung von Jacqueline Kornmüller dämlich und verquer, und er hat das wenige Tage darauf im "Spiegel" mit deutlichen Worten gesagt (warum herumreden?). Mitten im dritten Akt des Hamburger Ibsen haben wir Matussek aus den Augen verloren (und ein Sinnbild gewonnen), als von der Bühne eine dicke Nebellawine losging und sowohl die Schauspieler, die Akteure, als auch die Zuschauer in den ersten Reihen einhüllte. Gerade ein wirklich guter Reporter hängt eben immer auch im Nebel seiner Zeit mitten drin.

          Matthias Matussek hat sich unmittelbar nach dem Mauerfall - als die Mauer fiel, war er in den Vereinigten Staaten und sah zuerst im Fernseher und nicht vor Ort, was da unter Tränen und Jubel vor sich ging - für einige Wochen im DDR-Palasthotel einquartiert (dieser scheußliche Bau wurde glücklicherweise wenige Jahre später abgerissen). Er saß dort im Auftrag des "Spiegel" und machte sich von dort aus (wenn man es genau nehmen möchte: von einem runden Bett aus) ins Land der Umwälzung auf, um zu berichten, was geschah und was er sah. Er war eine Art Reiseschriftsteller, eine Art Ethnograph nicht in einer fernen fremden Welt, sondern bei unseren unmittelbaren und uns doch völlig unbekannten Nachbarn. Aus seinen Erfahrungen, Erkundigungen und Erlebnissen (die oft so deprimierend und bedrückend waren, daß ihm der Kragen platzte und er für Tage Reißaus nahm und zum Aufatmen in den Westen flüchtete) machte er seine schnellen, unruhigen, unsentimentalen und dicht geschriebenen "Spiegel"-Reportagen, die sehr erfolgreich waren, während ein Buch mit seinen Reportagen aus den achtziger Jahren damals zu seinem Bedauern sehr erfolglos war. Die deutsche Umwälzung blieb eine lange Weile frisch und wund, dann versank sie in der Truhe der Vergangenheit, und der Deckel klappte zu. Wer wissen will, wie das damals war, sollte Matussek lesen. Ein besserer Weg zum alten neuen deutschen Anfang findet sich nicht so schnell.

          Diese Reportagen waren unter anderem gerade deswegen so gut, weil der Reporter Matussek sich ganz und gar - also: mit all seinen Vorlieben für sich selbst und ein angenehmes Leben und mit all seiner instinktiven Ablehnung ideologischer Zwänge und Zumutungen - dem stellte, was damals dort vor sich ging. Er sprach mit Heiner Müller und mit Ruth Berghaus, er besuchte den Theaterfunktionär Hans-Peter Minetti (den Sohn des Bernhard Minetti), er schaute sich das Museum für Deutsche Geschichte und die Heinrich-Hertz-Oberschule in Ost-Berlin an, er schrieb über den Buchhandel in der DDR und über die DEFA, über Heiner Müllers "Hamlet/Hamletmaschine" und über das Provinzheater in Anklam (für diese Reportage erhielt er den Kisch-Preis), er führte ein Interview mit dem Schriftsteller Hermann Kant, er schrieb über den Ost-Berliner Stadtrat für Inneres Thomas Krüger und über die Diskussionskultur nach der Wende (wo Susan Sontag vor-, aber ganz schlecht wegkommt) und über den russisch-jüdischen Pianisten Anatolij Ugorski und über Gregor Gysi im Wahlkampf.

          Jetzt, nach über fünfzehn Jahren, hat Matussek diese frischen und wunden Texte zu einem neuen Buch zusammengestellt und Überleitungen geschrieben, in denen er erzählt, wie er sich damals gefühlt hat, was er selbst zwischen den Gesprächsterminen und Ortsbesichtigungen gemacht hat. Er hat im nachhinein sein Ich zwischen die Reportagen geschoben, was er damals nicht durfte, weil das - wie er im Schlußwort sagt - nicht dem Stil des Nachrichtenmagazins entsprach, für das er in die Zonen der Wirklichkeiten ausschwärmte. Wir sehen deshalb nun, um zum Hamburger Ibsen zurückzukehren, den rasenden Reporter im Nebel der Zeit, von dem er, als er die schnellen Reportagen schrieb, selbstredend und grundsätzlich nichts wissen wollte.

          Obwohl Matussek Sentimentalitäten offensichtlich nicht mag - Heiner Müller imponierte ihm (und nicht nur ihm) gerade deswegen auch mächtig, weil der Müller mit der großen dunklen Brille immer völlig cool war -, sind diese Zwischentexte in einem leicht elegischen Ton geschrieben: weil auch und gerade der Reporter als Zeitgenosse einen blinden Fleck im Auge hat und deswegen nicht alles sieht und wirklich wahrnimmt, was ihm Jahre später vielleicht in die Augen springt, wenn er zurückdenkt, wie das damals gewesen war. In seinem Nachwort nennt Matussek das, was er damals nicht wirklich sehen wollte oder konnte: das Leuchten. Das Leuchten in den Augen, den Gesten und der Mimik der Menschen, als die Mauer fiel. Dieses Leuchten sei im raschen Lauf der Zeit verlorengegangen. Matussek meint: Das sei ein Gefühl gewesen - ein Gefühl für ein neues Deutschland, das rasch wie eine Sternschnuppe verschwand. Mag sein.

          Nun, die Sternschnuppe ist weg. Der rasende Reporter hatte die wachen Augen so fest auf die Erde geheftet, daß er sie nicht gesehen hat. Man kann sich eben aus seiner Zeit nicht heraushebeln (im Hamburger Ibsen-Nebel konnte man aufstehen und gehen). Vielleicht aber war die Sternschnuppe gar nicht dagewesen, vielleicht hat sie nur die sentimentale Erinnerung an den schwarzen Himmel geheftet.

          EBERHARD RATHGEB

          Matthias Matussek: "Palasthotel". Oder wie die Einheit über Deutschland hereinbrach. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 297 S., geb., 19,90 [Euro].

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