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: Sie schreibt, er hält sich zurück

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Als Schwiegersohn war Cohn, der aus einer gebildeten jüdischen Familie stammte, der Witwe eines höheren Beamten und Abgeordneten der Paulskirche keineswegs genehm. Aber seine eigene Familie war ebensowenig erfreut über die "arische" Schwiegertochter. Fontane, selbst nicht ganz frei von antisemitischen Vorurteilen, trat für das junge Paar ein, er versuchte vor allem die Ablehnung von Clara Viebigs Mutter gegenüber Juden abzuschwächen, indem er an die "feinen Juden" im Berliner kulturellen Leben von Rathenau bis Liebermann erinnerte; die Familie des Bräutigams gehörte auch dazu. Clara Viebig war schon "ein spätes Mädchen", und Cohn besaß immerhin Geld, so stellte die Beamtenwitwe schließlich ihre Bedenken gegen diese Verbindung zurück. Friedrich Fontanes Verlag entwickelte sich in den folgenden Jahren überaus erfreulich. Neben dem Werk des Vaters, das der Sohn nun endlich verlegen durfte, hatte Clara Viebig erste Erfolge mit ihren realistischen Geschichten von "kleinen Leuten" aus den Eifeldörfern. Milieukenntnisse verdankte sie ihrem Onkel, einem Untersuchungsrichter, den sie auf seinen Fahrten durch diese arme Gegend begleiten durfte. Später beschrieb sie das Elend der Mädchen vom Land im Moloch Berlin.

Victor Klemperer und andere haben sie mit Zola verglichen. Käthe Kollwitz, Heinrich Zille oder Max Liebermann entwarfen die Umschläge zu ihren Romanen. Clara Viebig bereicherte das neue Genre des Berlin-Romans durch eine sozialkritische Variante, machte aber auch Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack, der ein märchenhaft glückliches Ende erwartete. Die "Gartenlaube" und die "Berliner Illustrirte Zeitung" brachten Vorabdrucke ihrer Werke. Die Cohns bauten sich eine prächtige Zehn-Zimmer-Villa in Zehlendorf, führten ein gastliches Haus und glaubten an die vom Kaiser versprochenen "herrlichen Zeiten". Sie hofften, daß im allgemeinen Aufschwung Neid und Aggressionen gegen Juden, "einem deutschen Stamm wie Sachsen, Bayern oder Wenden", verschwinden würden. Der Erste Weltkrieg setzte allen Hoffnungen ein Ende. Der geliebte und verwöhnte Sohn Ernst Viebig meldete sich freiwillig. In den unsicheren Nachkriegsjahren verkaufte Cohn seinen Verlag an die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart, die er in Berlin vertrat und für die er Autoren wie Armin T. Wegner gewann. Das bürgerlich-konservative Weltbild der Cohns geriet 1933 ins Wanken, aber die Gefahr schien zunächst noch nicht lebensbedrohend. Fast zweitausend Schriftsteller emigrierten nach Hitlers Machtantritt, darunter viele von Cohns Autoren. Auch sein Sohn wagte einen neuen Anfang in Brasilien. Die Eltern resignierten und blieben. "Alles ruiniert, alles entzwei", klagte Clara. 1935 starb Friedrich Theodor Cohn. Wenige Monate später trat seine Witwe in die Reichsschrifttumskammer ein - die Bedingung, daß sie weiterschreiben und veröffentlichen durfte. Doch ihre Lebenskraft war erschöpft. Über die letzten zwanzig Jahre erfährt man wenig. Zu ihrem neunzigsten Geburtstag gratulierten ihr Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, die Sache der Armen und Entrechteten vertretend. Mit der Aufforderung "Kommen Sie, Cohn!" hatte Theodor Fontane sein Gedicht zu seinem eigenen fünfundsiebzigsten Geburtstag abgeschlossen. Ob Clara Viebig ihren Mann zuletzt überhaupt noch erwähnt hat, haben die beiden Autorinnen nicht erforschen können.

MARIA FRISÉ

Carola Stern mit Ingke Brodersen: "Kommen Sie, Cohn!" Friedrich Cohn und Clara Viebig. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 169 S., geb., 16,90 [Euro].

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