https://www.faz.net/-gr3-omff

: Selektionsdruck aus dem Wasser

  • Aktualisiert am

Haben Sie sich je gefragt, warum Kinder im Freibad so ein Geschrei machen? Weil das Wasser so kalt ist? Weil das Planschen so einen Spaß macht? Nein, meint Carsten Niemitz, Professor für Humanbiologie und Anthropologie in Berlin, die Kinder schreien wegen der Krokodile ("Das Geheimnis des aufrechten Gangs". Unsere Evolution verlief anders.

          3 Min.

          Haben Sie sich je gefragt, warum Kinder im Freibad so ein Geschrei machen? Weil das Wasser so kalt ist? Weil das Planschen so einen Spaß macht? Nein, meint Carsten Niemitz, Professor für Humanbiologie und Anthropologie in Berlin, die Kinder schreien wegen der Krokodile ("Das Geheimnis des aufrechten Gangs". Unsere Evolution verlief anders. C. H. Beck Verlag, München 2004. 256 S., 17 Abb., geb., 22,90 [Euro]). Unsere äffischen Vorfahren, so die originelle These seines neuen Buches, sind keineswegs von den Bäumen herabgestiegen, haben sich auf die Hinterbeine gereckt und sind fortan aufrecht durch die Savanne gestreift. Vor etwa zehn bis sechs Millionen Jahren sind sie vielmehr ins Wasser gestiegen, wenn auch nicht sehr tief. In den Uferzonen der Flüsse und Küsten deckten sie watend einen großen Teil ihres Eiweißbedarfs und lernten dabei den aufrechten Gang. Nur lauern im flachen Wasser bekanntlich Krokodile. Und die hält man sich am besten mit Lärm vom Leib. Es sei zwar "bloße Spekulation", so Niemitz, doch vielleicht reichen die Spuren dieser Situation bis ins Freibadverhalten der Großstadtkids.

          Der Laie mag es kaum glauben, doch der Hergang der menschlichen Evolution ist noch immer nicht zweifelsfrei geklärt. Detailliert führt Niemitz die Lücken und Unstimmigkeiten in der Naturgeschichte des Menschen auf. Vor allem, so sein Ausgangspunkt, ist schlicht nicht zu sehen, warum sich ein baumlebender Affe, selbst wenn er seinen Lebensraum in die Savanne verlegen wollte, lange Beine und einen aufrechten Gang zugelegt haben sollte. Bis heute ist ein schneller menschlicher Läufer bestenfalls ebenso schnell wie ein Schimpanse in seinem seltsam schrägen Galopp, wenn nicht langsamer. Der Australopithecus afarensis, so haben Anthropologen errechnet, war allenfalls ein behäbiger Läufer, optimiert für die ökologische Nische "Nahrungssuche mit geringer Geschwindigkeit". Der bessere Blick über die Savanne ist auch kein guter Grund: Wer aufrecht geht, sieht nicht nur besser, er wird auch besser gesehen. Nur wer sich aufrichtet und dann wieder auf alle viere zurückkehrt, bestimmt selbst, wie lange er gesehen wird. Auch daß der zweibeinige Gang die Hände für Wichtigeres frei macht, überzeugt Niemitz nicht: Affen setzen sich eben hin, wenn sie etwas Filigranes tun, ebenso wie der Mensch. Und entgegen anders lautenden Berichten ist der Gorilla ein ausgesprochen guter Werfer - wie der Autor aus schmerzhafter Erfahrung zu berichten weiß.

          Niemitz findet den Selektionsdruck, der den aufrechten Gang des Menschen mit sich gebracht haben soll, im Wasser; seine Lösung nennt er die "amphibische Theorie": Unser Vorfahr war demnach ein vierfüßiger Generalist, ein "bodenlebender Vorprimat", der vermutlich vor allem auf die Bäume stieg, um sicher zu nächtigen, und sich ansonsten gern an Flußufern oder an der Küste aufhielt, denn sie boten unabhängig vom Wechsel der Jahreszeiten hochwertige Kost. Er brauchte also nicht von den Bäumen herabzusteigen, um unser Vorfahr zu werden, er konnte bleiben, wo er immer schon war. Nur daß er mehr Zeit mit dem Waten im Wasser verbringen mußte.

          Denn im Wasser haben die langen Beine und die großen Füße, die dem Kletterer und dem Sprinter nur hinderlich sind, ihren Vorteil. Sie erlauben in tieferem Wasser einen sicheren Stand und bieten der Strömung weniger Widerstand. Das Wasser bietet zudem eine Erklärung für den Übergang von der vierfüßigen zur aufrechten Fortbewegung. Wer sich je mit Skigymnastik gequält hat, weiß, daß kein Affe sich mit nur halb durchgedrücktem Knie fortbewegt haben kann. Und doch muß es eine solche Übergangsphase gegeben haben. Im Wasser verschwindet dieses Problem, da es das Gewicht des Körpers reduziert.

          Das klingt plausibel, aber sind Affen nicht wasserscheu? Es stimmt, meint Niemitz, Affenkinder müssen den Umgang mit Wasser ebenso lernen wie Menschenkinder. Unvorbereitet und unbeaufsichtigt können sie ertrinken. Doch es gibt auch die andere, in der Forschung kaum berücksichtigte Seite: Zwergschimpansen, die im flachen Wasser Fische, Krabben, Würmer und Schnecken fangen und fressen, westliche Flachlandgorillas, die in Ufernähe Wasserpflanzen ernten. Und es gibt die unbestreitbare Affinität des Menschen zum nassen Element. Niemitz hat Umfragen bei Immobilienhändlern und Reiseveranstaltern gemacht, das Ergebnis ist eindeutig: Den Menschen zieht es ans Wasser, ein Ufergrundstück ist ein Prestigeobjekt ersten Ranges.

          Daß Wasser in der Evolution des Menschen ein Rolle spielt, wird schon länger diskutiert. Seit den vierziger Jahren gibt es die Theorie vom aquatischen Affen, von der Niemitz sich jedoch scharf abgrenzt. Nach diesem in der Disziplin eher belächelten Konzept gab es unter unseren Vorfahren einen echten wasserlebenden Menschenaffen. Das ist Niemitz denn doch zu viel: Die watende Nahrungssuche im flachen Wasser prägte die Phase der Evolution, in der der Mensch den aufrechten Gang erwarb, doch Wassertiere und Schwimmer waren unsere Vorfahren nicht. Niemitz verwendet viel Platz auf die Architektur des stehenden Skeletts und ist mit seiner eigentlichen Theorie recht schnell fertig. Doch das Bild unserer Vorfahren als friedlicher Fischer und Angler ist doch tatsächlich einmal etwas anderes als die aggressive mit Steinen nach Löwen werfende Bande, die die Evolutionsforscher uns sonst präsentieren.

          MANUELA LENZEN

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mit einem Schild vor der Tür können Amerikaner ihre politischen Vorlieben ausdrücken.

          Durch Dörfer in Ohio : Von Tür zu Tür auf Stimmenfang

          Der Republikaner Rob Weber möchte für Ohio in den Kongress einziehen. Dafür sucht er den Kontakt zu den Wählern. Politisch steht er hinter Präsident Trump. Auf einen Corona-Schutz verzichtet er.

          Hamstereinkäufe : Was, wenn die Nachfrage weiter steigt?

          Im Frühjahr bunkerten die Deutschen vor allem eins: Toilettenpapier. Nun nehmen mit steigenden Infektionszahlen und Beschränkungen auch die Hamsterkäufe wieder zu. Was das für uns bedeutet.
          Einheitsfreude auch in Coronazeiten: Ein schwarz-rot-goldenes Herz am 3. Oktober in Potsdam

          Allensbach-Umfrage : Die Ostdeutschen sind selbstbewusster

          Die deutsche Einheit macht langsam Fortschritte. Die gegenseitigen Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen sind weniger groß, als es in der öffentlichen Debatte oft scheint. Überraschend ist das Selbstvertrauen in den neuen Ländern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.