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: Seid fruchtbar und belehret euch

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Die Klagen gegen die Auflösung des Bundestages werden im Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts auf dem Tisch des Richters Udo Di Fabio landen. Am morgigen Dienstag erscheint Di Fabios Buch "Die Kultur der Freiheit". Enthält es ein Indiz dafür, wie der Berichterstatter die Freiheiten betrachten ...

          Die Klagen gegen die Auflösung des Bundestages werden im Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts auf dem Tisch des Richters Udo Di Fabio landen. Am morgigen Dienstag erscheint Di Fabios Buch "Die Kultur der Freiheit". Enthält es ein Indiz dafür, wie der Berichterstatter die Freiheiten betrachten wird, die sich Bundeskanzler und Bundespräsident gemäß Artikel 68 des Grundgesetzes genommen haben? Di Fabio wird es jedenfalls nicht ohne weiteres als Kitsch abtun können, daß Köhler eine Notstandssemantik bemüht hat, nach der nichts weniger auf dem Spiel steht als der Bestand des sozialen Ganzen.

          Wir haben zu wenig Kinder: Damit ist der Hauptinhalt von Di Fabios Buch schon benannt, einer nationalpädagogischen Streitschrift mit universalhistorischem und erkenntnistheoretischem Ehrgeiz. Erneuert wird ein Genre, das auf Fichtes "Reden an die deutsche Nation" zurückgeht. In der Bundesrepublik wurde diese Erweckungsprosa mit Welterklärungsanspruch eher von akademischen Außenseitern gepflegt. Als Ordinarius der Universität Bonn und Schüler von Niklas Luhmann kritisiert Di Fabio die angeblich herrschenden Meinungen von einem institutionellen Standort im Herzen des Systems aus. Im Schrifttum aktiver Verfassungsrichter dürfte das durch Zwischenüberschriften fast zu gut aufbereitete Buch singulär sein. Das Inhaltsverzeichnis läßt eine einschüchternde Weltproblemlösungskompetenz ahnen. Auf nur vier der locker bedruckten Seiten werden abgehandelt "Das Einheitsproblem 15 Logos und Eros 16 Der mißlungene Versuch, die hermetisch rationale Weltdeutung zu überwinden 17 Vitalität als Deutungsprinzip 18". Genauso gut könnte aber über jedem Kapitel stehen: Kinders, Kinders, Kinders!

          Unserem Land, ja dem Westen überhaupt oder wenigstens den "mehr etatistischen Nationen auf dem europäischen Festland" im Unterschied zu den "atlantischen Kernstaaten des Westens" verordnet Di Fabio ein Programm des "reflexiven" Pétainismus: Arbeit, Familie, Vaterland, alles unter dem Schutz des lieben Gottes. So würde Di Fabio das natürlich nicht sagen, aber es sei hier so deutlich formuliert um des Streits willen, den er sich wünscht und der seinen Angaben nach unter der Tyrannei von Antidiskriminierungsbeauftragten und Nichtregierungsorganisationen ebenso vom Aussterben bedroht ist wie eigentlich fast alles. Di Fabio könnte aber sagen, der Umstand, daß Pétain die Kollaboration mit den Deutschen nur unter einer Losung organisieren konnte, die an jahrtausendealte moralische Kräfte in der Tiefe des Alltagslebens appellierte, zeige, daß der Nationalsozialismus die bürgerliche Gesellschaft nur theoretisch verneinen konnte, praktisch aber auf sie angewiesen blieb - weshalb dann nach Austreibung des "Dämons" Hitler "goldene Jahre" einziehen konnten.

          Mit der Kultur der Freiheit sind die Ordnungen gemeinschaftlichen Lebens gemeint, die dem Individuum seine Wahlmöglichkeiten erst eröffnen: Familie, Kirche, Volk. Leider gibt es, als Konsequenz unzähliger falscher Wahlentscheidungen, noch eine andere Kultur der Freiheit, die durch forcierte Pluralisierung, feige Toleranz und hedonistische Todesvergessenheit die moralischen Voraussetzungen wohlverstandener Freiheit untergräbt. Dieses Treiben folgt den Leitbildern eines verästelten Kulturbetriebs, dessen Wortführer alles Institutionelle und Traditionelle verachten. "Wir halten Kulturkritik für wichtiger als die positiven Inhalte der Kultur, wenden aber die Waffe der Kritik nicht gegen die so entstandene, inzwischen herrschende Kultur."

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