https://www.faz.net/-gr3-t4wi

: Seht, die Exhibitionisten und Verirrten!

  • Aktualisiert am

"Endlich war die Tür des Vestibüls geöffnet, und die schöne Fremde, der Telamon die Hand reichte, schritt voran. Wir folgten ihr, und die Schönheit so vieler verschiedener Gegenstände ließ das Thema der Unterhaltung wechseln." Mit diesen Worten begleitet Madeleine de Scudéry in ihrer 1669 in Paris erschienenen und Ludwig XIV.

          4 Min.

          "Endlich war die Tür des Vestibüls geöffnet, und die schöne Fremde, der Telamon die Hand reichte, schritt voran. Wir folgten ihr, und die Schönheit so vieler verschiedener Gegenstände ließ das Thema der Unterhaltung wechseln." Mit diesen Worten begleitet Madeleine de Scudéry in ihrer 1669 in Paris erschienenen und Ludwig XIV. gewidmeten "Promenade de Versailles" den Eintritt der fiktiven Reisegesellschaft vom Schloß in die Gärten von Versailles. Aus dem "kleinen Haus des größten Königs der Welt" heraus ins Freie tretend, machen sie sich auf, all jene Wunder zu erkunden, die André Le Nôtre, der erste Gärtner des Königs, für dessen "Maison de Plaisance" ersonnen hatte.

          Noch ist das Schloß mit seinen geringen Ausmaßen und polychromen Fassaden nicht jenes Monument königlichen Ruhms, das Colbert bereits einzufordern beginnt. Und wenn später das Zusammenspiel der Künste zur Inszenierung absoluter Macht in der Spiegelgalerie ihren Höhepunkt erreichen wird, ist es bislang der Garten, auf den alle Mühe verwandt wird, um dem König als Rückzugsort eine verwunschene Insel der Glückseligkeit zu schaffen. Doch in Le Nôtres geraden Avenuen und unendlichen Perspektiven liegt bereits der Keim für die strenge Symmetrie der klassischen Architektur, die Versailles, 1682 zum offiziellen Regierungssitz und Mittelpunkt des sonnenköniglichen Reichs erkoren, auszeichnen wird.

          Gefährliche Trampelpfade

          Die Gärten von Versailles werden ein Teil des staatlichen Repräsentationsapparats zur Inszenierung der "gloire du roi", die nichts dem Zufall überläßt. In diesem Sinne verfaßt Ludwig XIV. 1689 die erste Version seiner "Manière de montrer les Jardins de Versailles", eine genaue Anleitung zum Durchschreiten der Gärten, die selbst die Blicke der Besucher lenkt: "Aus dem Schloß durch das Vestibül des Marmorhofs hinaustretend, betreten wir die Terrasse; auf der Treppe muß innegehalten werden, um die Situation der Parterres, der Wasserbecken und Fontänen zu beachten."

          An Stelle von rigidem Zeremoniell und repräsentativem Apparat bringt heute der Massentourismus Versailles um seinen Zauber. Der Besucher kommt meist gar nicht mehr über die einst vom König als Auftakt verordnete Kontemplation des Blicks von der Terrasse über den Grand Canal hinaus - wenn er überhaupt in den Park hinausgetreten ist und nicht nur einen kurzen Blick durch die Fensterscheiben der Spiegelgalerie geworfen hat, während er im Touristenstrom durch das Schloß getrieben wurde. Und was fände er auch dort im Park, außer Blasen an den Füßen? Was gibt es noch zu entdecken an Überraschendem, Unerwartetem, vielleicht sogar Beunruhigendem an einem Ort, dessen Mythos von Historikern, Kuratoren, Verwaltern und Eventmanagern geraubt wurde?

          Eine Menge. Vorausgesetzt, man kehrt zurück an den Ursprung: zum Garten, als einem Ort der Verzauberung. Und so ist es ein Gärtner, der es nun vermag, uns noch einmal mit einem Buch über Versailles zu überraschen. Alain Baraton, Chefgärtner der "Domaine national de Trianon et du Grand Parc de Versailles", steht hier erneut auf den Stufen des Palastes und blickt auf den Park. Doch ist es nicht "le grand Versailles", das er sieht, sondern "das einfache, intime und unbekannte - das Versailles eines Gärtners".

          Baratons persönliche Verbundenheit mit dem Ort ist es, die seine besondere Perspektive ausmacht. Als Sohn einer kleinbürgerlichen Familie aus dem Yveline verlebte er eine "unglückliche Kindheit", als unsicherer Teenager tut er sich schwer, seinen Platz zu finden. Dann beginnt er im Sommer 1976 als Saisonkraft im Park von Versailles und wird neu geboren: Hier findet er seine Berufung, und es beginnt der Aufstieg zum Chefgärtner von Versailles - eine Karriere, die heute ohne Hochschulabschluß geradezu undenkbar wäre. Mittlerweile ist Baraton als erster Gärtner des Landes eine Berühmtheit in Frankreich. Zahlreiche Bücher hat er verfaßt, und samstags und sonntags um viertel vor acht in der Früh - Gärtner sind keine Langschläfer - berät er im Radiosender "France Inter" die grünen Daumen des hexagone.

          Weitere Themen

          Künstlerin der Nacht Video-Seite öffnen

          Malen in der Dunkelheit : Künstlerin der Nacht

          Die Künstlerin Silke Silkeborg stellt sich seit zehn Jahren der Herausforderung, die Nacht zu malen. Mehrmals in der Woche setzt sie sich mit ihrer Leinwand in die Dunkelheit und malt das, was es trotzdem zu sehen gibt.

          Topmeldungen

          Warten auf Gäste: Türkische Taxifahrer an der syrisch-türkischen Grenze in Kilis im September 2019

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?
          Von wegen sibirische Kälte: So weichen die mittleren Temperaturen im bisherigen Januar 2020 vom Mittelwert 1981 bis 2010 ab.

          Kalte Jahreszeit : Winterhitze

          Vergangene Woche war es zwar endlich etwas kälter, doch mit einem richtigen Winter wird es in diesem Jahr wohl nichts mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.