https://www.faz.net/-gr3-xx5w

Sebastian Junger: War. Ein Jahr im Krieg : Nur im Krieg fühlen sich die Kampfsüchtigen vor dem sozialen Scheitern sicher

  • -Aktualisiert am

Bild:

Ein Jahr lang hat der Reporter Sebastian Junger auf einem amerikanischen Stützpunkt an den Kämpfen in Afghanistan teilgenommen. Warum sein Buch aus der Fülle der Kriegsliteratur heraussticht.

          3 Min.

          Jungers Buch handelt von dem, was in der deutschen Politik bis vor kurzem nicht beim Namen genannt werden durfte: vom Krieg in Afghanistan. Es berichtet nicht von endlos langem Warten in Camps, gelegentlichen Patrouillen in gepanzerten Fahrzeugen, Sprengfallen der Taliban am Straßenrand und schwerverwundeten Kameraden, wie das sonst in der anschwellenden Afghanistan-Literatur der Fall ist, sondern hier geht es vor allem um Kämpfen und Töten.

          Dementsprechend sind die drei Kapitel von Jungers Buch auch überschrieben: Angst, Töten, Liebe. Und mit Letzterem ist nicht etwa die Sehnsucht nach der Heimat und dem Familienleben in einer friedlichen Umgebung gemeint, sondern das Verhältnis der Soldaten untereinander, ihre Angewiesenheit aufeinander, das Füreinandereinstehen im Gefecht, schließlich das gemeinsame Trauern um die getöteten Kameraden.

          Verachtung und Anerkennung

          Ein richtiges Kriegsbuch also, in dem alle Erwartungen, die das Klischee verspricht, vollauf bedient werden: die Adrenalinschübe im Kampf, der zumeist auf kurze Distanz, also als Nahkampf, geführt wird, die um sich greifende Langeweile in Phasen scheinbarer Friedlichkeit, das hohe Maß physischer Gewalt untereinander, von den blutigen Rangeleien zwischen den Einheiten bis zur rituellen Verprügelung von Offizieren bei der Übernahme eines Kommandos, schließlich die sexualisierte Sprache der Soldaten, in der sich Verachtung und Anerkennung, Angst und Lust in eigentümlicher Weise miteinander vermischen.

          Kalte Sachlichkeit

          In all dem unterscheidet sich Jungers Buch nicht sonderlich von den Erlebnisberichten aus den beiden Weltkriegen, nur dass es in Afghanistan gegen einen irregulären Feind geht, dessen Funkverkehr man zwar abhört, von dem man aber sonst nicht viel weiß. Und dann ist da selbstverständlich noch die gewaltige Überlegenheit an Feuerkraft, bei der es freilich immer eine Weile dauert, bis sie zum Einsatz kommt.

          Also sind die Gegner darauf bedacht, überraschend anzugreifen und dabei so nahe wie möglich an die amerikanischen Posten heranzukommen, so dass die rückwärtig stationierte Artillerie, die Jagdbomber und Kampfhubschrauber nicht mehr rechtzeitig oder zumindest nicht mehr zielsicher ins Gefecht eingreifen können. Wo das doch der Fall ist, verwandelt sich der Kampf in ein Massaker an einem dann tendenziell wehrlosen Gegner, das von Junger in kalter Sachlichkeit beschrieben wird.

          Unmögliche Objektivität

          Was Jungers Buch auszeichnet und es aus der Fülle der sonstigen Kriegsliteratur heraushebt, sind die immer wieder eingestreuten Reflexionen auf die Möglichkeiten und Bedingungen des Berichtens über den Krieg, zumal einen solchen wie den in Afghanistan. Junger weiß, dass für einen "embedded correspondent" wie ihn strikte Objektivität nicht möglich ist. Dafür ist er viel zu sehr mit den Männern verbunden, von deren erfolgreichem Agieren letzten Endes sein eigenes Überleben abhängt.

          Gerade weil er als Journalist keine Waffe trägt und sich auch sonst an den Kampfhandlungen nicht aktiv beteiligt, ist er von ihnen abhängig. Er ist, wie er einmal schreibt, "ihr Schuldner" im Überlebenskampf. Das schafft Nähen und Verbindlichkeiten, die Objektivität unmöglich machen.

          Motivierende Bindung an die Gruppe

          Die Ereignisse, von denen Junger berichtet, haben sich in den Jahren 2007 und 2008 im Osten Afghanistans abgespielt, im Korengaltal unmittelbar an der pakistanischen Grenze. Der Stützpunkt, den die Amerikaner in diesem Tal errichtet haben und den sie mit auf den umliegenden Höhenzügen angelegten Vorposten sichern, soll den Nachschub der Taliban durch das Tal blockieren. Ob die permanenten Scharmützel im Korengaltal strategisch einen Sinn haben, interessiert die Soldaten jedoch genauso wenig wie die Frage nach Sinn und Kosten dieses Krieges.

          Sie sind vollständig mit sich selbst und der Sicherung ihres Überlebens beschäftigt. Junger greift zur Absicherung seines Berichts auf mikrosoziologische Untersuchungen zurück, die bei der Beobachtung von Kampfverhalten in den großen Kriegen des vorigen Jahrhunderts zu dem Ergebnis kamen, dass für den Sieges- und Durchhaltewillen der Truppen nicht so sehr Ideologien, sondern vor allem der innere Zusammenhalt des militärischen Verbandes ausschlaggebend gewesen sind. Die Motivation zum Kampf erwächst, wenn der Krieg erst einmal begonnen hat, vor allem aus der Bindung an die Gruppe und nicht so sehr aus der Akzeptanz politischer Ziele.

          Problematische Rückkehr

          Solche und ähnliche Beobachtungen durchziehen Jungers Buch. Da er sich nicht allein und ausschließlich auf die Authentizität der eigenen Beobachtungen verlassen wollte, hat er diese immer wieder mit kriegsgeschichtlichen und militärsoziologischen, neurophysiologischen und psychologischen Untersuchungen abgeglichen. Auf dem Umweg über die Reflexion der Forschungsliteratur kommt dann doch so etwas wie Objektivierung ins Spiel.

          Das macht bei allen sonstigen Nähen den Unterschied zur üblichen Kriegsliteratur mit ihrem Kult der Männlichkeit und ihrer Feier des Kampfes als Form gesteigerter Selbsterfahrung und Lebensintensität aus, wie sie sich freilich auch bei Junger finden. Aber bei ihm wird dies reflektiert, vor allem im Hinblick auf die Probleme, die damit bei der Rückkehr ins zivile Leben verbunden sind.

          Kampf als Suchtmittel

          Jungers Bericht aus Afghanistan ist dementsprechend gerahmt von ein paar lakonischen Bemerkungen über das Scheitern der meisten Soldaten bei ihrem Projekt, nach den langen Monaten in Afghanistan wieder im Frieden - und sei es bloß im Alltag des Garnisonslebens - anzukommen. Nur im Kampf sind diese Soldaten aus dem Korengaltal vor dem sozialen Scheitern sicher.

          Dem zivilen Leben in einer Gesellschaft des Friedens sind sie nicht mehr gewachsen. Also streben sie nach ein paar Wochen in der Heimat wieder zurück nach Afghanistan. Der Kampf ist ihnen zur Sucht geworden. Das ist die eigentliche Provokation, die Jungers Buch bietet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.