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: Schriften über Kokain

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Neid und Freud liegen manchmal dicht beisammen. Am 30. April 1884 nahm Sigmund Freud zum ersten Mal Kokain. Er war damals 28 Jahre alt und arbeitete als Assistenzarzt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Bei der Pharmafirma Merck hatte er für 1,27 Dollar ein Gramm der Substanz erstanden. Das war für ...

          Neid und Freud liegen manchmal dicht beisammen. Am 30. April 1884 nahm Sigmund Freud zum ersten Mal Kokain. Er war damals 28 Jahre alt und arbeitete als Assistenzarzt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Bei der Pharmafirma Merck hatte er für 1,27 Dollar ein Gramm der Substanz erstanden. Das war für die damalige Zeit nicht gerade billig, aber es war erschwinglich - und: es war vollkommen legal. Kokain hatte sich als wirksames Betäubungsmittel für Schleimhäute herausgestellt und wurde als solches vor allem bei Augenoperationen eingesetzt.

          An jenem Apriltag war Freud ein wenig verstimmt. Er fühlte sich müde. In wäßriger Lösung nahm er oral 0,05 Gramm der Substanz zu sich. Wenige Minuten später stellte er eine plötzliche Aufheiterung und ein Gefühl von Leichtigkeit an sich fest. Er war begeistert. Geradezu euphorisch. Ein intensives Hitzegefühl breitete sich in seinem Kopf aus, das sich durch wiederholtes kühles Aufstoßen ankündigte. Wenn das mal kein sensationelles Medikament war. Das gehörte auf der Stelle weiteruntersucht.

          Nachdem er es rund ein Dutzend Male an sich selbst ausprobiert hatte, war Freud sich sicher: Kokain hatte keinerlei negative Wirkung, wenn man von dem leichten Schwindelgefühl einmal absah, das er selbst aber nur zweimal verspürt haben wollte. Freud schrieb einen begeisterten Text, "Über Coca", in dem er die Droge eigentlich jedem nur wärmstens empfahl. Man fühle sich damit euphorisch, lebenskräftig, arbeitsfähig - und das Beste: "Man ist eben einfach normal und hat bald Mühe, sich zu glauben, daß man unter irgendwelcher Einwirkung steht." Seinem ärztlichen Ermessen nach konnte Kokain unbedenklich verabreicht werden bei: Verdauungsproblemen, Asthma oder Alkoholismus, sowie als geistige Stimulanz, als Aphrodisiakum oder Lokalanästhetikum. Mit der Wiener Engelapotheke am Hof vereinbarte Freud, daß sie nach Möglichkeit den Preis für Kokain senkten - an profaner Geldknappheit sollte nicht scheitern, daß dieses Wunderzeug jedem zugänglich sei. Einem Freund, der morphinsüchtig war, verschrieb Freud Kokain als Heilmittel. Jedes Mal, wenn die Lust auf Morphin käme, solle er eine Dosis Kokain nehmen, und das tat der dann auch. Natürlich war der Freund bald schwer kokainabhängig. Anfang 1885 schrieb Freud an seine Verlobte, Fleischl verändere sich leider psychisch - "er zeigt eine kleinliche Eitelkeit, mit der er bei sinkenden Kräften die Anerkennung festzuhalten sucht". Freud hatte Suchtgefahr und Folgeschäden der Droge brutal unterschätzt.

          Daß Kokain schwer persönlichkeitsverändernd wirkt, daß es bei längerem Gebrauch neben Depressionen, Schlafstörungen und Angst auch emotionale Kälte, Realitätsverlust und Größenwahn hervorrufen kann, hatte er nicht gesehen. Als der Freund während des kokaininduzierten Morphinentzugs starb, war es mit Freuds Begeisterung für Kokain vorbei. Sein hymnischer Text über Kokain aber hatte Mitschuld an der ersten Kokainwelle in Europa.

          Johanna Adorján.

          Sigmund Freud: "Schriften über Kokain". Herausgegeben und eingeleitet von Albrecht Hirschmüller. S. Fischer 1996. 186 Seiten. 8,45 [Euro].

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