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Schizophrenie : Gefangen im Anstaltsalltag

Arnhild Lauveng war noch ein Kind, als sie bemerkte, dass ihr die Welt entglitt, dass eigenartige Wahrnehmungen und fremde Stimmen ihr Leben diktierten. Ärzte diagnostizierten unheilbare Schizophrenie. Doch Lauveng kämpfte sich ins Leben zurück - gegen den Widerstand des medizinischen Apparats.

          Der Nebel, der sich über ihr Leben legte, zog langsam auf, wie Schleierwolken an einem Sommertag, die sich unversehens vor die Sonne schieben. Erst wenige, dann immer mehr, bis die Sonne irgendwann verschwindet, die Temperatur fällt, die Vögel verstummen. Was bleibt, sind Dunkelheit und Leere.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Arnhild Lauveng bemerkte kaum, wie ihr die Welt entglitt. Mit fünfzehn wurde die Angst zu einer festen Größe in ihrem Leben, der Boden unter ihren Füßen bekam Risse, die Furcht, nicht zu existieren, setzte sich fest. War sie womöglich nur eine Romanfigur, erfunden von einem fremden Wesen? Ihre Sinneswahrnehmungen verschoben sich zusehends, und die Geräusche, die sie hörte, führten bald ein Eigenleben. Es konnte passieren, dass Arnhild Lauveng mit einer Freundin im Wald spazieren ging, dabei aber nicht verstand, was diese ihr erzählte, weil ihre eigenen Schuhsohlen auf dem Asphalt jedes Wort übertönten.

          Von Wölfen bedroht

          Manchmal mutierten die Häuser am Straßenrand zu riesengroßen, bedrohlichen Wolkenkratzern und eine Landschaft entstand, die so surreal anmutete, als habe sich Arnhild Lauveng in ein Gemälde von Salvador Dalí verirrt. Einmal verharrte sie eine halbe Stunde am Straßenrand, die Bordsteinkante hatte sich in ihrer Wahrnehmung in einen zwanzig Meter tiefen Abgrund verwandelt. Sie befürchtete, zu Tode zu stürzen. Auf den Fluren ihrer Schule tauchten eines Tages Wölfe auf, zähnefletschende Bestien, die ihr überallhin folgten und nach dem Leben trachteten. Und dann kam der Kapitän. Der Kapitän, wie Arnhild Lauveng ihn nannte, saß irgendwo in ihrem Kopf und erteilte Befehle, er sagte, wie viele Stunden Schlaf gut für sie seien, was sie essen und wann sie lernen sollte. Der Kapitän war gnadenlos in seinen Forderungen, und seine Stimme ließ ihr keine Ruhe mehr. Ein Albtraum, aus dem sie jahrelang nicht erwachte.

          Arnhild Lauveng war schwer krank in dieser Zeit, mit siebzehn Jahren diagnostizierten die Ärzte Schizophrenie bei ihr. Zehn Jahre lang diktierte diese Krankheit ihren Alltag, der sich in geschlossenen Anstalten abspielte, weggesperrt und unter ständiger medizinischer Beobachtung. Namhafte Spezialisten prophezeiten dem Mädchen eine düstere Zukunft, ein Leben abhängig von Medikamenten, fernab jeglicher Normalität. Doch die Mediziner irrten sich. Heute arbeitet Arnhild Lauveng als Psychologin in einem Vorort von Oslo, sie ist sechsunddreißig Jahre alt und vollkommen gesund.

          Flucht aus den Akten des medizinischen Apparats

          Dass Arnhild Lauveng die Schizophrenie besiegte, ist ein kleines Wunder. Über dieses Wunder hat sie nun ein eindrucksvolles Buch geschrieben. Es heißt „Morgen bin ich ein Löwe“ und führt uns vor Augen, wie schwer es ist, dem medizinischen Apparat wieder zu entkommen, wurde erst einmal eine Krankenakte angelegt, die den seelischen Verfall dokumentiert. Arnhild Lauvengs Buch ist auch eine Anklage gegen ein System aus Fallstudien, Krankheitsbeschreibungen und Diagnosehandbüchern. Ein System, in dem der Raum für den Menschen hinter der Krankheit umso kleiner wird, je stärker der ökonomische Druck wächst.

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