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: Schattenboxen fürs Naturrecht

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Wenn wir schweigen, werden die Steine schreien. Es hat Zeiten gegeben, da bestand der Zweck theologischer Schriften darin, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu erweisen und zu entfalten. Sie sind vorbei, jedenfalls in Trier. Der Arbeit zum Verhältnis von Christlicher Sozialethik und Moraltheologie, ...

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          Wenn wir schweigen, werden die Steine schreien. Es hat Zeiten gegeben, da bestand der Zweck theologischer Schriften darin, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu erweisen und zu entfalten. Sie sind vorbei, jedenfalls in Trier. Der Arbeit zum Verhältnis von Christlicher Sozialethik und Moraltheologie, mit der Clemens Breuer sich dort habilitierte, lag laut den Eingangsbemerkungen des Verfassers ein viel profanerer Anlaß zugrunde: der Vorschlag der Deutschen Bischofskonferenz, einige der bestehenden Sozialethik-Lehrstühle zu streichen und die Katholische Soziallehre von den Moraltheologen mitbetreuen zu lassen.

          Gemäß der lex aeterna der Besitzstandswahrer weist Breuer diesen Vorschlag mit Verve zurück. Eine Rückführung der Sozialethik zu der traditionell eher mit individualethischen Fragen befaßten Moraltheologie werde "einen Rückzug der Kirche aus gesellschaftswissenschaftlichen Fragen einläuten und für diese einen immensen Bedeutungsverlust nach sich ziehen". Zurückziehen kann man sich freilich nur aus einer Position, die man überhaupt noch innehat. Wie steht es also um den Kontakt der katholischen Sozialethik zur Philosophie und zur Soziologie? Nicht schlecht, möchte man antworten, wenn man an Autoren wie Robert Spaemann, Martin Rhonheimer oder Eberhard Schockenhoff denkt. Eher traurig, muß man hingegen konstatieren, wenn man die Arbeit Breuers zugrunde legt.

          Dabei ist die Grundthese Breuers alles andere als abwegig. Breuer bestreitet die ethische Selbstgenügsamkeit des neuzeitlichen Autonomiedenkens. "Indem die moderne Philosophie den Menschen in das Zentrum des Kosmos rückt, hat sie das Prinzip verloren, um das menschliche Sein zu leiten und zu begrenzen." Mangels vorgeordneter Norm drohe der Mensch zu einem disponiblen Material zu regredieren. Ein für das moderne Selbstverständnis so zentraler Gedanke wie derjenige vom unbedingten Wert der Person lassen sich argumentativ nur dort voll einholen, "wo der Mensch sich von der Vernunft eines letzten ihn tragenden Grundes verbürgt weiß". Es geht Breuer also um die Rehabilitierung des christlichen Naturrechts - ein mutiges und - es sei nochmals betont - keineswegs aussichtsloses Unterfangen.

          Aber wie setzt Breuer es um? Weder zeichnet er wie jüngst Martin Rhonheimer ("Die Perspektive der Moral", F.A.Z. vom 1. November 2001) die Subtilitäten der thomistischen Naturrechtslehre nach, noch legt er eine auch nur einigermaßen ernstzunehmende Analyse des neuzeitlichen Autonomiedenkens vor. Statt dessen erschöpft er sich weitgehend in bloßen Behauptungen. So macht er gegen den Rechtspositivismus geltend, er sei gescheitert, denn das wenigste, was man annehmen müsse, sei eine Idee der Gerechtigkeit, die dem Zugriff des menschlichen Willens entzogen sei und in letzter Instanz über Recht und Unrecht entscheide.

          Nun ist das Problem, daß die Rechtspositivisten genau dies nicht anerkennen. Wie widerlegt Breuer sie? Nun, er widerlegt sie überhaupt nicht. Dem Hinweis Breuers auf den tatsächlichen Einfluß moralischer Überzeugungen auf das Recht wird selbst der hartgesottenste Positivist zustimmen. Und die Mitteilung Breuers, daß sich sowohl das Bundesverfassungsgericht (zitiert wird eine Entscheidung aus dem Jahre 1951) als auch einige juristische Autoren gegen den Rechtspositivismus ausgesprochen hätten, wird die Anhänger dieser Position ebenfalls nicht übermäßig beeindrucken. Auch die kantische Unterscheidung von Rechts- und Tugendpflichten mißversteht Breuer gründlich. Er macht geltend, die Christliche Sozialethik dürfe sich mit dieser Trennung nicht einverstanden erklären. Sie müsse den Menschen vielmehr grundsätzlich zu tugendethischem Verhalten anhalten; diese Einstellung werde sich dann - auch Katholiken wissen mittlerweile, was sie der politischen Korrektheit schuldig sind - "unweigerlich positiv in der Erstellung, Ausarbeitung und Anerkennung einer demokratischen Rechtsordnung" auswirken.

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