https://www.faz.net/-gr3-wiir

: Schärfer denken!

  • Aktualisiert am

Um die ewigen politischen Debatten in unserer Familie abzukürzen, die in Wahrheit immer ein Wettbewerb nach dem oder der Linkesten im Raum waren, nutzte meine französische Großmutter gern einen Trick. Sie schob einfach den Satz "Ich habe ein Buch darüber gelesen" in den Raum, was ihr zumindest einen Ausgang aus der stets verfahrenen Argumentationslage gab.

          5 Min.

          Um die ewigen politischen Debatten in unserer Familie abzukürzen, die in Wahrheit immer ein Wettbewerb nach dem oder der Linkesten im Raum waren, nutzte meine französische Großmutter gern einen Trick. Sie schob einfach den Satz "Ich habe ein Buch darüber gelesen" in den Raum, was ihr zumindest einen Ausgang aus der stets verfahrenen Argumentationslage gab. Es war eine klassische Ausgangslüge, denn meine Großmutter bezog ihr Wissen nahezu ausschließlich aus Filmen und Fernsehserien.

          Dennoch wurde seinerzeit das Grundprinzip, wonach ein einzelnes Buch eine unübersichtliche argumentative Gefechtslage zu klären vermag, respektiert. Schließlich wollte man ja kein neues Fass aufmachen und nachfragen, welches eine Buch es denn bitte schön gewesen sein soll, welches klärt, ob die Amerikaner ein Fluch oder ein Segen sind. Das Radio und die Abendnachrichten waren für die kleinteilige Information, fürs Detail, zuständig, während das Buch die Dinge wieder im großen Maßstab ordnen würde. Das war der Pakt einer nun vergangenen Zeit.

          Das Nachrichtenfernsehen und das Internet haben diese Gewichte in den neunziger Jahren völlig verschoben: Die beiden weltweit erfolgreichsten Nachrichtensender, Fox News und Al Dschazira, handeln weniger mit Nachrichten oder frischen Filmaufnahmen als mit Weltsichten. Der Zuschauer wird mit Übersichtlichkeiten getröstet, die kleinen Ereignisse müssen sich in das große Mosaik fügen. Auch das frei gestartete Internet wirkt zunehmend wie ein Feld von Millionen Metallspänen, unter dem jemand Magnete bewegt: Ähnliche Ansichten finden zusammen, verfestigen sich zu großen ideologischen Clustern, Zuschauer und User suchen Bestätigung oder, wie es bei den Mediaplanern heißt, Orientierung. Und weil das Geld zu bringen verspricht, überbieten sich die Medien darin, den Leuten den richtigen Weg nach Osten zu weisen.

          Büchern kommt heute eine neue Funktion zu: die Leute zu verwirren, die Muster zu entwerten und klarzumachen, dass der Orient des einen der Okzident des anderen ist. Darum geht es auch dem französischen Politikwissenschaftler Olivier Roy, weltweit einer der besten Kenner des Islamismus und des Nahen und Mittleren Ostens: um die Erhöhung der Komplexität.

          Roy ist mit voluminösen Werken bekannt geworden, legt aber nun einen schmalen, nicht weniger brisanten Band vor, in Wahrheit ist es ein verzweifelter Zwischenruf. "Der falsche Krieg" unternimmt in vier Kapiteln das, was sowohl die handelnden Politiker als auch die berühmten Experten immer wieder versäumen, nämlich einige fundamentale Fragen zu behandeln: Wer ist eigentlich unser Feind? Wie und mit welchen Mitteln bekämpft man ihn? Und vor allem: Wo bekämpft man ihn?

          Roy schont weder die verantwortlichen Politiker noch die Leser. Er beginnt so: "Am Abend des 11. September 2001 besaß die amerikanische Regierung eine Blankovollmacht. Die öffentliche Meinung im Land war mobilisiert und entschlossen, die Schuldigen zu bestrafen. (. . .) Sechs Jahre später müssen wir einen kompletten Misserfolg konstatieren: Nicht eines der Ziele von damals wurde erreicht. Bin Ladin ist 2007 immer noch am Leben, ebenso Mullah Omar, der Anführer der Taliban. Es hat seit 2001 weitere terroristische Anschläge gegeben, und die Lage in der gesamten muslimischen Welt hat sich verschlechtert. Schlimmer noch: Am meisten profitiert von der neuen Situation Iran, Washingtons ärgster Feind, was eine neue Konfrontation befürchten lässt."

          Roy geht daran, in diesem Buch jene Hausaufgaben zu machen, die eigentlich damals fällig waren, darum ist "Der falsche Krieg" keine ganz einfache Lektüre. Von der hehren Rhetorik des "Kriegs gegen den Terror" und der "Achse des Bösen" bleibt in Roys Bilanz kein vernünftiger Rest. Terrorismus und dass man dagegen ist - das ist keine geeignete Kategorie, um politischen Fortschritt zu erzielen, erklärt der Autor: Wandte man sich gestern noch gegen Arafat, so muss man heute seiner Fatah zur Hilfe eilen, um ein Gegengewicht zur Hamas zu stellen.

          Die amerikanische Regierung - Roy greift sie nicht polemisch an, sondern verteidigt sie, wo immer möglich - taumelt mit allzu grobem Werkzeug durch die Region, sowohl, was die Begriffe als auch, ganz simpel, die Waffen angeht.

          Weitere Themen

          „The Roads Not Taken“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „The Roads Not Taken“

          „The Roads Not Taken“; 2020. Regie: Sally Potter. Darsteller: Javier Bardem, Elle Fanning, Salma Hayek. Start: 30.04.2020.

          Topmeldungen

          Rechter Terror : Wie die AfD den Hass rhetorisch befeuert

          Nach dem Terrorakt von Hanau wird die Frage laut, ob die AfD eine Mitschuld an den Toten trägt. Wie viel Hass steckt wirklich in der Partei?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.