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Sascha Roesler: Weltkonstruktionen : Was sich von der Hütte der Karaiben lernen ließ

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Bild: Gebr. Mann Verlag

Ein gewichtiger Beitrag zur Anthropologie der Architektur: Sascha Roesler untersucht, wie sich moderne Architekten außereuropäische lokale Bauformen angeeignet haben.

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          Die Architektur als die wirkmächtigste und zugleich eingeschränkteste künstlerische Disziplin ist im kulturellen Humus wie ein verborgenes, genügsames Wurzelgeflecht verbreitet. Nur manchmal kommt es zu unerwarteten Verdickungen, zu geographisch bestimmbaren Knotenpunkten, die indes gern als maßstabsetzend zelebriert werden: etwa in Form von sogenannten Signature Buildings (Gehry in Bilbao, Koolhaas beim CCTV-Tower), aber auch als stadträumliches Arrangement, entweder lang tradiert à la Royal Crescent in Bath oder zeitgenössisch wie in der Hamburger Hafencity. Dagegen hat der polnische Schriftsteller Ryszard Kapuscinski einmal die ingeniöse Kreativität zentralafrikanischer Slums hervorgehoben: „Diese Viertel, diese monströsen afrikanischen Papiermachés, werden tatsächlich aus allen nur erdenklichen Materialien gebaut, und es sind diese Viertel und nicht Manhattan oder das Pariser Défense-Viertel, die den Gipfel der menschlichen Vorstellungskraft, Erfindungsgabe und Phantasie darstellen. Ganze Städte - errichtet ohne einen einzigen Ziegel, ohne ein Stabeisen, ohne einen Quadratmeter Glas.“

          Just hinein in dieses Spannungsfeld wirft sich die Studie von Sascha Roesler. Das Bauen, eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt, wird vom Autor neu ausgeleuchtet, indem er die außereuropäischen Beiträge in Bezug setzt zu den hiesigen. Konstruktion, wie sie der Titel anführt, versteht er dabei als „epistemisches Gebilde“, das sich an der Schnittstelle von vier unterschiedlichen Dimensionen - Herstellungsprozess, Machart, Ort und Disziplin - behaupten muss. Zugleich sei es „dasjenige Wissensgebiet der Architektur, in dem das Konzeptionelle mit dem Ausführbaren verhandelt“ werde.

          Die alchimistische Verwandlung zwischen Materialität und Immaterialität

          Der archimedische Punkt, an dem Roesler ansetzt, geht auf Gottfried Semper, den großen Architekten und nicht minder großen Theoretiker, zurück. Aber nicht dessen „Bekleidungstheorie“ bildet die zentrale Referenz, sondern die weniger bekannte ,Stoffwechseltheorie“. Semper suchte damit die Erklärung für ein Phänomen, das in der Architekturgeschichte seit ihren Anfängen bemerkt und interpretiert wurde: die Übertragung der charakteristischen Formen eines Materials auf einen anderen Stoff, etwa das symbolische Weiterleben des Holzbaus im Steinbau.

          Nicht nur in der Wissenschaft gab es seinerzeit dazu meist negative Anmerkungen: Das sei doch nur Nachahmung respektive die Unfähigkeit zum Ausbruch aus den Formkonventionen. Für Semper war Stoffwechsel jedoch ein Prinzip, das den Objekten Erinnerungsfähigkeit, eine kulturelle Bedeutung gibt, die den Wert ihrer alltäglichen Brauchbarkeit bei weitem übertrifft. Auch Roesler ist es darum zu tun, in der Architektur etwas sichtbar zu machen, das sonst schwer zu erklären ist: die alchimistische Verwandlung zwischen Materialität und Immaterialität.

          Dabei geht es ihm freilich nicht um die „Bauweisen an den entlegenen Orten dieser Welt“ selbst. Er bevorzugt eine indirekte Form der Beweisführung, indem er zur Untersuchung lediglich heranzieht, was sich an solchen Bauweisen in den einschlägigen Diskursen der modernen Architektur niedergeschlagen hat. Doch was nützt eine Raumtheorie, die weder zwischen der primitiven „Hütte der Karaiben“ und dem Reichstagsgebäude noch zwischen artifiziellen und natürlichen Räumen unterscheidet? Virulent bleibt die Frage nach der Perspektive, unter der das traditionale Bauen anderer Kulturen untersucht wird.

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