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Sarah Khan: Dr. House : In der populären Echokammer des Wissens mangelt es nicht an Distinktionen

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Irrsinnige Selbstbezüglichkeit

Wie viele Fernsehserien dieser Tage handelt „Dr. House“ somit von stressigen Arbeitskonstellationen: von der Multiplikation simultaner Anforderungen, von der Verkürzung von Reaktionszeiten, der Instrumentalisierung kontemplativer Reflexionsphasen. Bis zum Exzess vereint die Titelfigur Charakterzüge, die man gern dem neoliberalen Subjekt zuschreibt: Reduktion aller beruflichen Beziehungen auf das Prinzip der Konkurrenz, Kenntnis emotionaler Bindungen nur in käuflicher Form, eine freudlose Freude am Zocken, funktionalistisch-experimentelles Körperverständnis und ein Hang zur Inszenierung von Castingsituationen, in denen Mitarbeiter überwacht, auf spezialisierte Fähigkeiten getestet oder auf eine Betriebsphilosophie eingeschworen werden. Die Attraktivität dieser Figur ergibt sich vielleicht weniger aus der Gewöhnung der Zuschauer an eine „Zumutung“, wie Khan mutmaßt, als aus der Schlussfolgerung, dass chronische Missgelauntheit die angebrachte Haltung gegenüber einem solchen Arbeitsalltag darstellt.

Wenn „Dr. House“ also wirklich eine „Hommage an den amerikanischen Pragmatismus“ formuliert, wie Khan vorschlägt, dann weiß dieser Pragmatismus mittlerweile recht gut über die eigene Nähe zum Opportunismus Bescheid. Wobei „Dr. House“ allerdings auch die irrige, nicht minder attraktive Annahme transportiert, solche Attitüde bringe Erfolg. Der Serie gelingt es, Genervt-Sein nicht nur als eine Form heroischer Überlegenheit, sondern als Voraussetzung professioneller Großtaten auszustellen. Khan entgeht nicht, dass der Aufwand, den House und sein Team wöchentlich für einen Einzelfall betreiben, in krassem Widerspruch zu dem gleichzeitig auf anderen Kanälen und in anderen Sendeformaten geführten Kampf um die Reform des maroden amerikanischen Gesundheitssystems steht.

Überhaupt kommt Khan zu ihren pointiertesten Einsichten, wenn sie die Austauschbewegungen zwischen unterschiedlichen Sendungen nachzeichnet und dabei etwa zeigt, dass House auch als Antwort auf Präsident Jed Bartlet aus „The West Wing“ auftritt. Noch die abwegigsten Assoziationen eines „populären Wissens“ werden in solchen Pop-Netzwerken angeordnet, wie etwa die Theorie, George W. Bush sei der direkte dramaturgische Nachfolger J. R. Ewings. Wenn das stimmt, schlussfolgert Khan, bereitet „Dr. House“ vielleicht die Präsidentschaftskandidatur von Kal Penn vor, einem ehemaligen Darsteller der Serie, der zum Wahlkampfberater Barack Obamas wurde.

Nach Irrsinn klingt das nur, wenn man die irrsinnige Selbstbezüglichkeit der medialen Echokammer ausklammert, denn tatsächlich kennen wir all diese Charaktere vor allem als wiederkehrende Fernsehfiguren. So passt es auch, dass Khan die Fernsehserien-Reihe des Diaphanes Verlags, in der ihr Buch erscheint, im expliziten Weiterspinnen der Bände zu „The Sopranos“, „The Wire“ und „The West Wing“ selbst wie eine Fortsetzungsgeschichte behandelt - eben weil auch diese Produktionen permanent miteinander kommunizieren. Im Ergebnis gelingt der bislang dichteste und kurzweiligste Beitrag einer verdienstvollen Publikationsreihe.

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