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: Sanfte Wende

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          5 Min.

          Ästhetik des Performativen", der Titel des neuesten Buchs der Berliner Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, ist so abstrakt, wie man es von einer akademischen Veröffentlichung - in Deutschland wenigstens - erwartet. Doch die Autorin beginnt mit der im konkreten Sinn des Wortes atemberaubend genauen Beschreibung einer "Performance" der Künstlerin Marina Abramovic, die sich am 24. Oktober 1975 ereignete. Vor dem in einer Innsbrucker Galerie versammelten Publikum entledigte sich Abramovic ihrer Kleidung, aß dann langsam ein ganzes Kilo Honig und leerte eine Flasche Rotwein. Sie zerbrach das Rotweinglas in ihrer nackten Hand, ritzte mit einer Rasierklinge ein sternförmiges Monogramm in ihren Bauch und peitschte ihren Rücken, um sich mit ausgebreiteten Armen unter Heizstrahlern auf ein Kreuz aus Eisblöcken zu legen. Nach einer halben Stunde hielten es einige Zuschauer nicht mehr aus, dies alles mit anzusehen, und beendeten die Performance, indem sie Marina Abramovic vom Ort ihrer selbstinszenierten Leiden trugen.

          Fischer-Lichte protokolliert in solcher Detailintensität, daß man als Leser tatsächlich das Dilemma der Zuschauer von 1975 spürt, und auf den folgenden Seiten macht sie mit einer Fülle von Verweisen auf Künstler wie John Cage und Joseph Beuys oder auf Günter Grass (der sich bei einer Lesung des "Butt" von einem Schlagzeuger begleiten ließ) klar, warum sie das Innsbrucker Ereignis als einen besonders hervorstechenden Fall dessen ansieht, was sie die "performative Wende" in der kulturellen Szene der sechziger und siebziger Jahre nennt. In eindrucksvoller Kohärenz entwickelt ihr Buch eine Ästhetik dieser performativen "Kunst", und es gehört zu seinen Hauptverdiensten, daß Fischer-Lichtes Begriffe einen Bereich von Phänomenen anschaulich erschließen - ganz unabhängig davon, ob der Leser, wie die Autorin selbst offenbar, bereit ist, sich von solchen Performanz-Ereignissen faszinieren zu lassen, oder sie als Abweg der westlichen Kultur verdammen möchte. Fischer-Lichtes Unterscheidungen sind konsequent induktiv entwickelt, ausgehend von der Beobachtung, daß das typische Verhältnis zwischen Performance-Künstler und Publikum der von jeder Interpretation vorausgesetzten Dichotomie zwischen Zuschauer-Subjekt und Kunst-Objekt nicht entspricht. Interpretation als Sinnzuschreibung kann also weder die angemessene Zuschauerreaktion auf Performanz-Kunst sein noch die Grundlage einer einschlägigen Ästhetik. Auf Hermeneutik und Semiotik kann diese Ästhetik, anders gesagt, nicht bauen.

          Hier setzt eine lange Serie begrifflicher Substitutionen ein. An der Stelle des "Werks", postuliert Fischer-Lichte, soll in einer Ästhetik des Performativen das "Ereignis" stehen. Nicht als - bedeutungstragende - "Texte", wie es die neue Kulturwissenschaft fordert, soll man Ereignisse und Dinge erschließen, sondern als (in den meisten Fällen mit erheblichem Aufwand inszenierte) "Aufführungen". Nicht "Sinn" bringen Aufführungen hervor, sondern unmittelbar präsente "Materialität". Es gibt kein "Spiel" auf der Bühne, das so tut, als fände es in Abwesenheit eines Publikums statt, sondern eine produktive "Feedback-Schleife" zwischen der Performanz der Akteure und den unmittelbaren Reaktionen ihrer Zuschauer. Zeit fügt sich nicht zum Bogen einer "Erzählung", sondern stiftet Form durch "Rhythmus" und "Time Brackets".

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