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Samuel Becketts Film- und Videoarbeiten : Minimale Bewegung, maximale Beobachtung

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Bild: Verlag

Auch hinter der Kamera war er ein Meister der Reduktion, der sich gegen die Vernachlässigung der Bilder stemmte: Ein Sammelband erkundet das filmische Schaffen von Samuel Beckett.

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          Im März 1936 bat der dreißigjährige Samuel Beckett Sergej Eisenstein um Aufnahme ans Moskauer Institut für Kinematographie. Antwort erhielt er nie. Kino und Fernsehen scheinen ihn dennoch zeitlebens nicht losgelassen zu haben. Als er 1963 seinen ersten Film mit dem lakonischen Titel "Film" und Buster Keaton als Zentralfigur schuf, war dies nach langer theoretischer Auseinandersetzung mit dem Medium gleichsam ein Dammbruch. Bis zu seinem Tod 1989 folgten zwanzig Arbeiten, mit denen er rasch vom großen Film- zum kleinen Fernsehformat überging. Mal hat er, wie bei den Werken für den Süddeutschen Rundfunk, selbst Regie geführt, mal war er Co-Regisseur oder Berater, in wenigen Fällen oblag die Regie anderen allein. Immer jedoch war es seine, schon in den Entwürfen minutiös aufs Bild ausgerichtete Handschrift, die da erschien.

          Dass die Projekte viele Überarbeitungen erfuhren und zum Teil in mehreren Versionen entstanden, ist ein Indiz für die Intensität, die Beckett ihnen zuwandte. War Beckett "eigentlich" ein Filmmensch, zumindest ein visuell geprägter und denkender Autor? In einem Essay von 1992 bemerkt Gilles Deleuze zu jener Sprache, um die es dem Schriftsteller lebenslang ging, sie komme "erst im Fernsehen (...) ganz zur Wirkung". Und als im Frühjahr 2000 die Kunsthalle Wien Beckett und den amerikanischen Konzeptkünstler Bruce Nauman gemeinsam präsentierte, ließ sich Becketts Weg von der Dichtkunst über den Film hin zum Fernsehen verfolgen, das er schließlich als sein "adäquates Medium" bezeichnen sollte.

          Der Meister der Reduktion

          In akademischen und künstlerischen Kreisen boomt seitdem das Thema "Beckett und der Film", das zuvor nur vereinzelt behandelt worden war. Nun liegt erstmals ein Sammelband vor, der sich allen seinen Facetten widmet. Die beiden schon an der Wiener Ausstellung maßgeblich beteiligten Herausgeber Gaby Hartel und Michael Glasmeier versuchen in ihm zu versammeln, was es zu Becketts Film-, Fernseh- und Videoarbeiten zu sagen gibt. Das "hungrige Auge" also, es markiert zweierlei: eine Kamera, die ihre Objekte belauert, und den Zuschauer, den sie dabei zu ihrem Komplizen macht. Damit auch den Nenner, auf den alle Aufsätze - zumeist Originalarbeiten oder deutsche Erstveröffentlichungen - gebracht werden können. Denn darin sind sich alle Autoren des Bandes einig: Es ist unser Blick, der die äußerlich so erstarrte Welt Becketts erweckt und in Bewegung bringt.

          Als ausdauernder Kinogänger kennt Beckett die Materie und stellt sich gleichzeitig ihren narrativen Gepflogenheiten entgegen. So ist, schrieb der Beckettfreund Raymond Federman 1966/67, schon "Film" von 1963 ein "Versuch, die offensichtlichsten Schwächen des heutigen Kinos bloßzulegen: das Aufbauschen von Ton, Action, Plot und Botschaft unter völliger Vernachlässigung der Bilder". Tatsächlich landet Beckett mit seiner Absicht, "zum Kern des Mediums" zurückzufinden, "beim Elementaren". Als Meister der Reduktion bietet er wenig und zugleich viel. Wenig Objekte und Vorgänge, viel Detailbesessenheit.

          Ein Maximum an Assoziationen und Deutungen

          Sein Universum ersteht aus Grundformen: einer kauernden oder schlurfenden Gestalt, einem Kreis, einem Quadrat, einem kahlen Raum, einem Gesicht, einem Auge, einem Mund, der pausenlos in Bewegung ist. Dazu viel zwanghaft Repetitives, ritualisierte Mono- und Dialoge, eine ausgeklügelte Lichtführung, Kamerabewegungen, die selbst "handeln". Und bei alledem eine Atmosphäre von Stille und Stillstand, die jedwede Entwicklung ausschließt und erst so ihre Beredsamkeit entfaltet.

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