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Sachbuch : Wenn Männer schwanger sind

  • -Aktualisiert am

„To breed or not to breed?“ Der Dramatiker Andrew Cullen und seine Partnerin haben sich auf „yes“ geeinigt. Da er mit der Literatur über Schwangerschaft und Co. unzufrieden ist, führt er kurzerhand über seine Situation Tagebuch: „Der schwangere Mann“.

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          Andrew Cullen lebt in London. Er ist ein mehrfach preisgekrönter Dramatiker, und darum fallen ihm so originelle Formulierungen ein wie: „To breed or not to breed? That is the question.“ Als sein vierzigster Geburtstag naht, einigen er und seine Partnerin Kate sich, dass die Antwort auf diese Zeugungsfrage ein „yes“ sein könnte. Und bald ist der Schwangerschaftstest positiv. Wie reagiert ein Autor auf diese Situation? Er kauft bergeweise Literatur über Schwangerschaft, Geburt, Kinderkrankheiten und so weiter. Schon früh muss Cullen gespürt haben, dass er mit keinem dieser Werke so recht zufrieden sein würde, und so führte er ein Tagebuch, um zu zeigen, dass er es besser kann. Das Resultat ist „From Here to Paternity“, „Der schwangere Mann“.

          Was unterscheidet dieses Buch von einem konventionellen Ratgeber? Cullen hat begriffen, dass wir nicht mehr sind als die Sklaven unserer Hormone. Am besten fragen wir nicht lange nach dem tieferen Sinn des Kinderkriegens, sondern genießen einfach das absurde Theaterstück, das wir selbst aufführen. Wenn der erstgebärende Mann dann auch noch deutlich älter ist, als die Natur es eigentlich vorgesehen hat, dann ist das, als ob die alten Herren Fußball spielen: Gerade weil alles etwas unbeholfen abläuft, erkennt man das Wesentliche. Cullens Buch ist recht umfangreich ausgefallen, und man kann einiges daraus lernen. Vor allem aber lernt man, dass ein einziges Buch auf keinen Fall reicht. Ratgeberautoren, Hebammen, Ärzte und Schwiegermütter verstehen von allem etwas. Sie widersprechen einander dabei aber ständig.

          Andrew will unbedingt ein besserer Vater als sein eigener werden

          Andrew und Kate leben nach eigenen Angaben arm und glücklich in einer Zweizimmerwohnung. Die beiden haben einen großen Freundeskreis. Geschildert werden hauptsächlich die Freunde, die Kinder haben, ein Kind erwarten oder gerade eine Fehlgeburt erlitten. Dazu kommt die Verwandtschaft. Andrew ist ein uneheliches Kind. Sein Vater war ein „schneidiger“ italienischer Kellner, der sich aus dem Staub gemacht hat. Doch der Rest der beiden Familien ist ganz erträglich. Andrew will unbedingt ein besserer Vater als sein eigener werden.

          Von Kate entsteht beim Leser nur ein diffuses Bild. Der leicht hysterische Andrew ist zu sehr mit sich und seinem Studium der Embryologie beschäftigt, als dass er sie uns näher vorstellen würde. Er berichtet zwar präzise von ihren schwangerschaftsbedingten „Leiden“, aber eigentlich möchte man auch einmal ihre Haarfarbe oder ihr Alter erfahren. Kate ist Psychologin und arbeitet im Büro eines Krankenhauses. Die Geburt soll im King's College Hospital erfolgen, einer sehr renommierten Klinik. Auf diese Art lernen wir gleich die Speerspitze des Fortschritts in Sachen Geburtshilfe kennen.

          Den Stillkurs und Yoga für Schwangere schwänzt der Autor

          Das britische Gesundheitssystem kann man sich in etwa so vorstellen wie unsere deutschen Schulen. Da wurschteln viele nette und ein paar weniger nette Leute, und niemand muss eine Rechnung schreiben. Alles funktioniert, aber im Detail ließe sich vieles verbessern. Die Ansprechpartner wechseln ständig, die Wartezeiten sind unnötig lang und die Untersuchungsergebnisse nie da, wenn man sie braucht. Kate nimmt an allen möglichen Kursen zur Geburtsvorbereitung teil. Sicherheitshalber gleich bei zwei Anbietern. Der brave Andrew begleitet sie fast immer. Nur beim Stillkurs und bei Yoga für Schwangere schwänzt er wohl, oder vielleicht lassen sie ihn da auch nicht rein.

          Wie es sich für ein ordentliches Schauspiel gehört, wird es bald dramatisch. Bei einer Untersuchung ergibt sich der schlimme Verdacht einer Ventrikulomegalie. Das ist eine Kammervergrößerung im Gehirn. Aber so genau muss man das nicht wissen. Man ahnt schließlich das glückliche Ende voraus. Niemand schreibt ein derart komisches Buch über die Genesis eines ernsthaft behinderten Kindes. Und tatsächlich: Per Zangengeburt kommt Alice auf die Welt, alles eitel Sonnenschein. Dem Klappentext entnimmt man, dass Andrew und Kate immer noch zusammen sind und inzwischen sogar zwei Kinder haben. Irgendwann kommen die Gören in die Pubertät. Dann sollte Andrew Cullen an eine Fortsetzung denken.

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