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Sachbuch über Antisemitismus : Kein Anlass zum Optimismus

  • -Aktualisiert am

Ein Mann beseitigt Schmierereien am Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof von Kröpelin in Mecklenburg-Vorpommern. Bild: dpa

Sind die Fälle nur sichtbarer geworden, oder nehmen sie tatsächlich zu? Deborah Lipstadt untersucht den gegenwärtigen Antisemitismus.

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          Dem verbissenen Antisemiten und Meister des literarischen Argot Louis-Ferdinand Céline wird nachgesagt, er hätte nach 1945 sich über Hitler insofern abfällig ausgelassen, als dieser mit der Ermordung der europäischen Juden ihm, Céline, seinen Judenhass verdorben habe. Wie immer es mit der Authentizität dieser Bekundung bestellt sein mag, sie trifft ein nicht unwichtiges Moment: dass nämlich mit dem Menschheitsverbrechen des Holocaust landläufigen judenfeindlichen Regungen auferlegt war zu schweigen. Ob ein solches Gebot gegenwärtig an sein Ende gelangt, ob ein neuer Antisemitismus aufersteht oder an dieser Front eigentlich nichts Neues zu vermelden sei – darüber ist eine Debatte entbrannt. Zu ihr trägt auch Deborah Lipstadt mit einem neuen Buch bei.

          Die amerikanische Holocaust-Forscherin hat sich nicht nur in akademischen Kreisen einen Namen gemacht, sondern ist auch einem größeren Publikum bekannt geworden, als sie sich im Gerichtssaal mit dem Holocaust-Leugner David Irving angelegt hatte – ein Ereignis, das die Produktion eines überaus erfolgreichen Spielfilms nach sich zog. Auch ihr Buch über einen von ihr diagnostizierten neuen Antisemitismus wendet sich an eine breite Öffentlichkeit. Recht eigentlich handelt es sich bei der Schrift um eine didaktisch aufbereitete Handreichung in Sachen Aufklärung über Judenfeindschaft. Dabei wählt die Autorin das Format eines allem Anschein nach fiktiven Dialogs mit zwei weiteren Personen – die eine jüdisch, die andere nicht. In einem eher naiven Duktus richten beide Fragen an Lipstadt, die von ihr im Stile einer belehrenden Instruktion beantwortet werden.

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          Dieses Frage-und-Antwort-Spiel schöpft sein Material vornehmlich aus der amerikanischen Wirklichkeit dieser Tage, vor allem aus dem der Autorin vertrauten akademischen Milieu. In verdichteter Form und bestehend aus Materialien klassischer antijüdischer Stereotype über Reichtum und Macht, einer Anhäufung von Verschwörungsmetaphern, inflationierten postkolonialen Diskursen zu Opferhierarchien sowie aus Spurenelementen antijudaistischer Traditionsbestände monotheistischer Religionen bis hin zur veritablen Holocaust-Leugnung wird ein Delirium des Verfalls von Urteilskraft präsentiert. Es ist ein aus Indizien sich fügendes Bild, begleitet von Tiefenbohrungen in die historische Vergangenheit.

          Wie ernst es um die Sache selbst steht, ist allerdings damit noch nicht erwiesen. So haben sich in der Welt des Digitalen die Maßstäbe zunehmend verschoben, haben sich Intimes, Privates und Öffentliches unterscheidungslos miteinander verschmolzen. Was zuvor verborgen blieb, wird nach außen gekehrt – um sich zugleich in der Anonymität des Netzes zu verkappen. Das Netz vor allem ist das Medium, in dem sich die Antisemitismen ausbreiten.

          Bedeutet aber die zunehmende Sichtbarkeit antijüdischer Ressentiments, von denen die von Lipstadt ausgebreiteten Phänomene laut und deutlich sprechen, auch deren substantielle Zunahme? Tatsächlich verweist das Anschwellen öffentlicher Grenzüberschreitungen auf eine Steigerung bislang im Verborgenen gebliebener judenfeindlicher Ressentiments. Diese Tendenz vermag auch den skeptischen Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass die historische Halbwertzeit des antijüdischen Ressentiments bis hin zur ausgegorenen antisemitischen Weltanschauung offenbar von längerer Dauer ist als vom zukunftsfrohen Bewusstsein erhofft. Judenfeindschaft ist anscheinend ein Phänomen chronischer Beständigkeit. Sie tritt in unterschiedlichen Lagen wie in unterschiedlichen Formen vor allem dann in Erscheinung, wenn tiefgehende soziale Verwerfungen im Gange sind.

          Deborah Lipstadt: „Der neue Antisemitismus“

          Dies galt für das neunzehnte Jahrhundert, als die aufkommende bürgerliche Gesellschaft den christlichen Staat herausforderte und ihr Attribute des Jüdischen zugeschrieben wurden. Heute werden Phänomene der Globalisierung mit jüdischen Zügen – oder was man dafür hält – ausgestattet. Verkompliziert wird die Lage, weil zu den alten Phantasien über eine vorgebliche Verschwörung sichtbar-unsichtbarer Juden das Agieren eines in einem realen Konflikt mit seiner arabisch-muslimischen Umwelt befindlichen jüdischen Staates kommt. Diese reale Konfliktlage zieht Bilder und Metaphern auf sich, die den Arsenalen antisemitisierender Zuschreibungen entsprungen sind.

          In ihren Überlegungen zur Lage in den Vereinigten Staaten schenkt Deborah Lipstadt den mit der Staatswerdung Israels einhergegangenen Veränderungen indes wenig Beachtung. Dass sie auf das für die jüdische Gemeinschaft in Amerika einschneidende Ereignis des Massakers in der Synagoge zu Pittsburgh im Oktober des vorigen Jahres nicht eingeht, verdankt sich lediglich dem Umstand, dass ihr Text damals bereits in Druck gegangen war. Der Schrecken, der die jüdische Gemeinschaft der Vereinigten Staaten erfasste, als Juden qua Juden ausgerechnet in Amerika getötet wurden, war einschneidend.

          Und gravierend war das Ereignis auch deshalb, weil das offizielle Israel sich an den Gräbern der Ermordeten mit Donald Trump gemein machte, während die Mehrheit des jüdischen Amerikas dem Präsidenten ostentativ den Rücken kehrte. Die von ihm angefachte Stimmung erinnerte sie an die dreißiger Jahre, als Juden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch als eine Minderheit behandelt wurden, deren Zugehörigkeit zum Gemeinwesen in Zweifel stand.

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