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Medienstrategie der Päpste : So holprig kommt die Wahrheit in die Welt

  • -Aktualisiert am

Petra E. Dorsch-Jungsberger: „Papstkirche und Volkskirche im Konflikt“. Lit Verlag, Berlin 2014. 502 S., br., 29,90 €. Bild: Picture-Alliance

Will Franziskus die Volkskirche mit Hilfe von Twitter wiederbeleben? Eine Wissenschaftlerin glaubt, die Medienstrategie des Papstes und seiner beiden Vorgänger dingfest gemacht zu haben.

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          Der Vatikan soll eine Kommunikationsstrategie haben? Papst Johannes Paul II. habe charismatisch versucht, die Presse für seine Papstkirche auszunutzen; Benedikt XVI. sei das weniger gelungen, während jetzt mit Franziskus die Zeit der direkten Kommunikation einer Volkskirche beginne. Die Münchner Kommunikationswissenschaftlerin Petra Dorsch-Jungsberger versucht am Beispiel der jüngsten Kirchengeschichte den seit der Urgemeinde und den Apostelbriefen permanenten Zusammenstoß von Hierarchie und Kirchenvolk als Kommunikationsproblem darzustellen. Letztlich habe die Kirche allerdings jede Krise überwunden, findet die Autorin; denn sie sei der einzige Kommunikationsbetrieb, der schon zweitausend Jahre lang mit demselben Produkt auf dem Markt sei.

          Die Kategorien Strategie, Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda, wie sie die Wissenschaftlerin nutzt, verwirren, denn der Glaube erscheint nicht als normales Produkt wie Quark oder Kaffee, und auch hat man noch nie die drei himmlischen Chefs dieses Unternehmens, Gott, Christus und den Heiligen Geist, auf einer Pressekonferenz gesehen. Stattdessen reicht im Flugzeug ein leutseliger Petrus-Nachfolger dem mitreisenden Reporter die Hand; oder es lädt im Vatikan ein Kurienkardinal zum Gespräch, während sein Kollege jeden Pressemann meidet; und der Sprecher des Papstes - derzeit Pater Federico Lombardi - erscheint bisweilen wie ein Fremder, wenn selbst er keine Antworten auf die Fragen der Journalisten geben kann. Von welcher Strategie ist die Rede?

          Ein Modernisierer vatikanischer Medienpolitik?

          Ausführlich beschreibt die Autorin, wie sich der Vatikan seit Papst Pius XI. moderner Kommunikationsmöglichkeiten bediente und - neben dem schon seit 1861 bestehenden „L’Osservatore Romano“ - 1930 als Folge der Lateranverträge mit Italien auch eine eigene vatikanische Radiostation in Betrieb nahm, nicht viel später oder früher als andere Staaten auch. Doch das sei nicht der Beginn einer gleichrangigen Kommunikation mit dem Kirchenvolk gewesen, sondern nur die Fortsetzung huldvoller Verkündigungen der Papstkirche mit modernen Mitteln. Zwischen 1962 und 1965 habe das Zweite Vatikanische Konzil versucht, „frische Luft“ in die Medienarbeit der Kirche zu bringen; letztlich aber hätten sich die konservativen Bischöfe durchgesetzt, die vom Kirchenvolk Gehorsam und „ehrfürchtiges Schweigen“ verlangten.

          Dann kam Johannes Paul II., der erste Ausländer seit Jahrhunderten auf dem Papstthron, der „fliegende Fels“ und „Showman of God“. Begeistert beschreibt die Autorin den jungen Schauspieler und Poeten aus Krakau, hätte offenbar den Vollprofi gerne als Modernisierer vatikanischer Medienpolitik gesehen; denn wo immer er im Skianorak aufgetaucht sei, habe schon ein Kameramann am Lift neben ihm gestanden. Johannes Paul habe gar vom „Apostolat der Kommunikation“ gesprochen.

          Benedikt im Sturm der Kritik

          Doch die Apostel der Evangelien waren nun einmal nicht freie Vertreter Jesu, sondern sie sollten dessen Frohe Botschaft des Evangeliums an den Mann bringen; und so ähnlich sah es offenbar Johannes Paul II. auch: Petra Dorsch-Jungsberger muss feststellen, dass der Papst von Journalisten nichts anderes erwartete, „als dass sie effektiver und friedlicher als bei allen anderen Kreuzzügen die Wahrheit in die Welt“ trügen, um die Kirche bei ihrer Mission zu unterstützen. Johannes Paul II. habe verlangt, dass die Presse Papst und Kirche in „himmlischer Vollkommenheit“ spiegele. Der Pole habe geschickt Nachricht mit Propaganda gemischt, um die Presse zu benutzen.

          Sein Nachfolger Benedikt XVI. habe sich dann der Presse nicht geöffnet und so auch nicht jene Fragen aufgegriffen - Zölibat, Frauenpriestertum, Zulassung geschiedener Verheirateter, Schwulen-Ehe -, die das Kirchenvolk interessierten. Sosehr Ratzinger als kollegial denkender Kirchenführer versucht habe, sich anders als Johannes Paul II. nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, so sehr habe er sich bei jeder Kritik der Presse als unleidig erwiesen. Dorsch-Jungsberger beschreibt das Krisenmanagement der Kurie nach der Regensburger Rede von 2006, in der Benedikt die sechshundert Jahre alten Worte eines byzantinischen Kaisers zitierte, nach denen Mohammed nichts Neues gebracht habe, außer dass man den Glauben nicht nur predigen, sondern auch mit dem Schwert verbreiten solle.

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