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Kriminelle Gewalt in Mittelamerika : Der Jugendbanden wird keiner Herr

  • -Aktualisiert am

Mitglied der Mara Salvatrucha nach der Verhaftung in San Salvador Bild: dpa

Kronzeugen finden auch ihren Killer: Óscar Martínez legt eine Bestandsaufnahme krimineller Gewalt in Mittelamerika vor. Dafür hat er mit Opfern, Tätern, Mitwissern, Polizisten und Politikern gesprochen.

          Die täglich neuen Schreckensmeldungen über Kriege, Zerstörung, Mord und Gewalt in den arabischen Ländern lassen vergessen, dass in einer ganz anderen Weltregion seit Jahrzehnten Massaker an der Zivilbevölkerung, organisierte Kriminalität und Bandenunwesen alltäglich sind und ganze Länder in einem Teufelskreis aus Gewalt und Gegengewalt, angetrieben von Korruption, Unfähigkeit der Regierungen und reiner Mordlust, zu versinken drohen.

          In den zentralamerikanischen Ländern Guatemala, El Salvador, Nicaragua und Mexiko haben die Bürgerkriege nicht nur Hunderttausende Menschen das Leben gekostet, sie haben auch neue Formen der Gewalt entstehen lassen. Eines der auffälligsten Phänomene sind die Jugendbanden, die „Maras“, die zur Geißel der Region geworden sind. Ihr einziger Zweck besteht darin, Raubzüge zu unternehmen, Vergewaltigungen, Morde und andere Verbrechen zu begehen. Alle Versuche, sie mit harter Hand zu verfolgen oder ihnen auf andere Weise den Garaus zu machen, sind bislang gescheitert.

          Über Mittelamerika führt die Hauptroute des in den Andenländern, insbesondere Kolumbien und Peru, produzierten Kokains und anderer Rauschmittel in die Vereinigten Staaten. Das einträgliche Geschäft machen sich Drogenkartelle und Jugendbanden streitig, deren Mitglieder oft selbst drogenabhängig sind. Die Entstehung der Maras als Netzwerk der Gewalt geht auf das Jahr 1992 zurück, als die Polizei in Los Angeles eine Jugendgang aus Hispanics, die „Mara Salvatrucha“ (Salva: El Salvador, trucho: gewitzt), als Verursacher eines Aufruhrs ausmachte und deren Mitglieder sowie rivalisierende Mareros aus Mexikanern und Flüchtlingen aus Honduras, Guatemala und Nicaragua festnahm.

          Zehntausende Kriminelle zurück nach Mittelamerika

          Auf Beschluss des amerikanischen Kongresses mussten die Inhaftierten später in ihre Heimatländer abgeschoben werden. So kamen zwischen 2000 und 2004 zwanzigtausend kriminelle Jugendliche in die mittelamerikanischen Staaten zurück, wo sie in einem Milieu aus extremer Armut, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, korrupten Regierungen und Sicherheitskräften einen idealen Nährboden für ihr kriminelles Tun fanden.

          Über die von Maras wie anderen kriminellen Organisationen in Mittelamerika verübten Verbrechen und deren Opfer gibt es so gut wie keine verlässlichen Angaben. Die Dunkelziffer ist extrem hoch. Vorgebliche Erfolgsberichte von Regierungen sind mit großer Vorsicht zu betrachten, meist sind sie propagandistisch aufgemotzt, in Wahlkampfzeiten sowieso. Kein Präsidentschaftskandidat lässt es an dem Versprechen fehlen, nun mit der Gewaltkriminalität endgültig aufräumen zu wollen. Doch kaum im Amt, kommt heraus, das der Staatschef selbst oder seine Entourage in Korruptionsfälle oder andere Verbrechen verwickelt ist. Der jüngste Fall ist jener des früheren guatemaltekischen Präsidenten Otto Pérez Molina, der wenige Monate vor dem Ende seiner Regierungszeit wegen schwerer Korruptionsvorwürfe zurücktrat und kurz darauf, Anfang September 2015, zusammen mit seiner Vizepräsidentin verhaftet wurde.

          Pérez Molina, ein ehemaliger Militiär, dem vorgeworfen wird, in den achtziger Jahren während der Herrschaft des Diktators Efraín Ríos Montt schwere Menschenrechtsverletzungen begangen, gefoltert und Massaker verübt zu haben, hatte versprochen, „mit harter Hand“ gegen die organisierte Kriminaliät vorzugehen. Doch er erreichte so gut wie nichts. Zu seinem Nachfolger wurde der konservative Komiker Jimmy Morales gewählt, ein evangelikaler Christ, der selbstverständlich die Korruption zu seinem Hauptgegner erklärt hat, aber wohl eher aus Verdruss der Bevölkerung über die traditionelle Politikerkaste als in der Zuversicht gewählt wurde, er werde das Wunder vollbringen, das Land von der Seuche der organisierten Kriminalität zu befreien.

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