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Sachbuch von Patrick Baty : Die fabelhafte Welt der Anstrichfarben

So pastellig liebten es die dreißiger Jahre: Aus einem Katalog des Farbherstellers Pinchin Johnson & Co anno 1935. Bild: DuMont

Nur wenige Menschen seien mit Farben vertraut – aber fast jeder habe ein natürliches Gespür für sie. Glaubt Patrick Baty. Sein Buch über Anstriche bezaubert schon durch die Farbtabellen und die Poesie der Namen.

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          Klingt nüchtern, diese Ankündigung: „Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Verwendung verschiedener Anstrichmittel im Laufe der letzten drei Jahrhunderte.“ Der Band will trotz des Untertitels – „Die Geschichte traditioneller Farben und Pigmente“ – weder eine „Geschichte noch ein Ratgeber zur Innenausstattung“ sein, und trotz dieser widersprüchlichen Signale ist er von allem etwas. Und ein hübsches Coffee-Table-Book obendrein, das sich als Geschenk für Haushalte eignet, deren Kinder ausgezogen sind und die sich deswegen nun aufs Renovieren verlegen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der Autor dieser Wundertüte heißt Patrick Baty, er betreibt das 1960 von seinem Vater gegründete Ladengeschäft „Papers and Paints“ im vornehmen Londoner Viertel Chelsea und hat sich umfangreiches Wissen als Spezialist für historische Anstrichfarben erworben, das er als Berater bei Renovierungen einsetzt. Außerdem hat er eine Bibliothek mit Maler-Handbüchern zusammengetragen und sich mit den Theoretikern der Farbenlehre auseinandergesetzt. All diese Aspekte einer beruflichen Leidenschaft fließen in sein geschmackvoll gestaltetes Buch ein.

          Es ist eine Begegnung, die vor allem die Augen verwöhnt. Die schiere Masse der Farbtabellen und die Poesie der Namen, die heute von normierten Nummernsystemen ersetzt sind, bezaubern. Baty beginnt mit dem „Wiener Farbenkabinett“ aus dem Jahr 1794, der Farben wie Starklilienroth, Dunkelschöngrün, Mattschlackenblau, Hochsächsischgrün, Ganzdompfaffenroth, Dunkelspargelroth oder Bleichbraunschweigischgrün kennt.

          Patrick Baty: „Die Natur der Farben“. Die Geschichte traditioneller Farben und Pigmente. Aus dem Englischen von Nina Loose. Dumont Buchverlag, Köln 2018. 352 S., zahlr. Abb. geb., 49,– .
          Patrick Baty: „Die Natur der Farben“. Die Geschichte traditioneller Farben und Pigmente. Aus dem Englischen von Nina Loose. Dumont Buchverlag, Köln 2018. 352 S., zahlr. Abb. geb., 49,– . : Bild: Patrick Baty

          Nach einem Durchgang durch die Herstellung von Öl- und Leimfarben, Grundkenntnissen in Pigmenten, Handwerkszeug und Handelsstruktur gibt Baty einen Einblick in die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Bleifarben. Ohne Schutzkleidung und Staubmaske machten die Männer die größte Drecksarbeit – unter Einsatz ihrer Gesundheit, weil das korrodierte Blei große Mengen hochgiftigen Bleistaubs freisetzte: „Eine Vergiftung konnte schwere, irreversible Hirnschäden und Verhaltensänderungen, Unterleibsschmerzen, Unfruchtbarkeit, Anämie, Krämpfe, Bewusstlosigkeit und schließlich den Tod verursachen.“

          Noch heute ist in ärmeren Ländern der Einsatz von Bleifarbe gang und gäbe, jährlich stirbt weltweit eine hohe siebenstellige Zahl von Menschen an Bleivergiftung. Was Baty zu der ernüchternden Einsicht bringt, die wenigsten Bestandteile historischer Farben seien „umweltfreundlichen Ursprungs“ gewesen, heutigen Standards des Arbeitsschutzes hätten sie in keinem Fall entsprochen. Moderne Farben auf petrochemischer Basis seien viel besser als ihr Ruf. Je seltener ein Anstrich erneuert werden müsse, desto umweltfreundlicher.

          Ein wichtige Rolle spielten Farben für die Klassifikation von Fauna und Flora. Darwin verwendete auf seinen Forschungsreisen Abraham Gottlob Werners Farbsystem, das der Freiberger Mineraloge 1775 in der Schrift „Von den äusserlichen Kennzeichen der Fossilien“ vorgelegt hatte. Ein anderes Beispiel, das der Autor anführt, ist das zweibändige Werk, das die Gesellschaft der französischen Chrsyanthemenliebhaber in Auftrag gab. Es erschien 1905 unter der Ägide von René Oberthür unter dem Titel „Répertoire de couleurs“ und fand seinen Weg von der Blumenwelt in die Innendekoration.

          Bleigrau war im achtzehnten Jahrhundert beliebt

          Modefarben gab es immer, manche von ihnen – Preußischblau, Smalte, Pariser Grau, Erbsengrün – waren aufwendig in der Herstellung und deswegen kostbar. Ein von den Farbenhändler-Brüdern Joseph und Alexander Emerton angerührtes Tiefgrün taucht etwa in William Hogarths Zyklus „Marriage A-la-Mode“ von 1743/45 auf – der Maler benutzte es, um den gesellschaftlichen Status einer jungen Gräfin zu betonen. Das heute wieder so beliebte Grau in allen Schattierungen ist ebenfalls nicht neu als Modefarbe. Bleigrau war im achtzehnten Jahrhundert beliebt, auch weil es zu den günstigen Standardfarben zählte. Der Komponist Georg Friedrich Händel ließ sein Haus im Stadtteil Mayfair, das er von 1720 bis zu seinem Tod 1759 bewohnte, in sämtlichen Räumen bleigrau und schokoladenbraun streichen. Auch im Nachbarhaus, schreibt Baty, habe man Spuren dieser Farbe gefunden: Es wurde 1969 von Jimi Hendrix bezogen.

          Im frühen neunzehnten Jahrhundert wurden mit Smaragdgrün, Französisch-Ultramarin und Chromgelb wichtige Pigmente entdeckt, Techniken wie Marmorierung und Bronzierung kamen hinzu. Seit zweihundert Jahren gibt es bereits Malerfarben, wie wir sie heute kennen, gebrauchsfertig angeboten in Gebinden unterschiedlicher Größe, damals in Fässern. Dass sich Baty zum größten Teil auf englische Beispiele, danach auf nordamerikanische und konintentaleuropäische konzentriert, liegt in der Natur das Sache, macht das Buch für deutsche Leser allerdings weniger ergiebig. Mühe machen auch die sehr klein gedruckten Bildunterschriften, deren Plazierung – auf zurückliegende oder kommende Doppelseiten und Fotostrecken verweisend – zu erheblichem Umblätterbedarf führt.

          In den 1840er Jahren begann der Siegeszug der maschinell bedruckten Tapete, was nicht bedeutet, man hätte mit Rauhfaser gearbeitet: Die Tapete musste sich die Wand immer mit Sockelleisten, Friesen, Maserierungen, Stuck oder Marmorierung teilen. 1868 hieß es in einem Ratgeber: „Ein Wohnzimmer in nur einem monotonen Muster zu dekorieren, ohne jede Abwechslung, ist die reizloseste Art der Wandgestaltung.“

          Nur wenige Menschen, glaubt Baty, seien mit Farben vertraut, aber „doch fast jeder hat ein natürliche Gespür für sie und erkennt, wann sie miteinander harmonieren“. Jeder Streifzug durch ein deutsches Neubaugebiet spricht eine andere Sprache. Aber von der Gegenwart handelt der Band nicht mehr, das Kompendium endet in den fünfziger Jahren.

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