https://www.faz.net/-gr3-11pud

: Rumsitzen und nachdenken

  • Aktualisiert am

Kraus und Polgar, Kuh und Friedell - die großen Wiener Feuilletonisten sind längst tot, und mit ihnen haben sich auch das Debattenfeuer und der Pulverdampf der großen Fehden aus den Kaffeehäusern verzogen. Aber einer sitzt noch, unverrückbar wie ein Fels: Franz Schuh, geboren 1947 in Wien und nach ...

          Kraus und Polgar, Kuh und Friedell - die großen Wiener Feuilletonisten sind längst tot, und mit ihnen haben sich auch das Debattenfeuer und der Pulverdampf der großen Fehden aus den Kaffeehäusern verzogen. Aber einer sitzt noch, unverrückbar wie ein Fels: Franz Schuh, geboren 1947 in Wien und nach eigener Aussage kaum aus der Stadt herausgekommen, der er in klassischem Double-bind verbunden ist. Bekannt geworden ist Schuh, daheim eine feste Größe des Betriebs, dem deutschen Publikum erst spät, durch sein Opus Magnum "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche", eine scharfsinnige Sammlung von Essays und Skizzen, für die er 2006 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch bekam. Nun hat er mit seinen "Memoiren" nachgelegt, deren Untertitel, "ein Interview gegen mich selbst", so mediengerecht wie streng klingt.

          Über das äußere Leben des Franz Schuh erfährt man in diesem gedankenreichen Frage-und-Antwort-Spiel jedoch nicht viel. Der "140-Kilo-Mann" stammt aus "proletarisch-kleinbürgerlichem" Milieu, das sozial durchlässigere Nachkriegs-Österreich ermöglichte ein Philosophiestudium. Obwohl mit der Linken sympathisierend, wurde Schuh auch in den Achtundsechzigern aus Widerwillen gegen "Politik als Fetisch" nicht nachhaltig politisiert. Nach verschiedenen Posten im Literaturbereich wollte er doch lieber wieder Freiberufler sein, ein "skeptischer Kollaborateur" der Medien, der - bei ausbleibender "Versöhnung mit dem Konto" - "dazugehört und zugleich nicht oder nicht alles mitmachen muss".

          Eine tiefe Skepsis gegen stramme Haltungen anderer, aber auch gegen die Schwäche der eigenen Person, prägt die "Memoiren". Inhaltlich geht es nach der Methode "Durcheinander" voran. Ein aufgeräumter Denker ist dieser Mann, der sich nur ungern "Philosoph" nennen ließe und am Essay das Vorläufige schätzt, nicht. Bekannte Schuh-Themen finden sich wieder: das Glück ("die Fähigkeit, sein Glück darin zu finden, sich vom Glück durch eine denkende Existenz unabhängig zu machen"), die Kritik ("jemanden anzugreifen, sollte mit einer Art Liebe verbunden sein") und das antiheimatliche Österreich ("haben wir uns überhaupt noch etwas zu sagen, derzeit, über Österreich?") mitsamt allen Widerhaken von kollektivem Vergessen und staatlicher Erinnerungskultur. Neben Hegel, Stirner und dem Leib-und-Magen-Philosophen Nietzsche hat auch die Medienkritik ihren Platz.

          Schmidt und Pocher werden für ihr "Nazometer" abgewatscht, der "regressive Genuss" der "Simpsons" gerühmt, der Bachmann-Preis in die Nähe einer Reality Soap gerückt. Sein Fett kriegt auch der deutsche "Begierdeösterreicher" ab, der an Austria das Noch-nicht-ganz-Durchrationalisierte, das leicht Deviante liebt. Und tatsächlich, um diesen Franz Schuh könnte man die Alpenrepublikaner schon beneiden. Auch wenn sein aktuelles Buch nicht ganz so großartig ist wie das Opus Magnum "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" - es ist eine wunderbare Einstiegsdroge in das Schuhsche Denken, dessen Vorbild die immer um das Ganze ringende Gestalt des Sisyphus ist.

          JUDITH LEISTER

          Franz Schuh: "Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst". Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008. 280 S., geb., 21,50 [Euro].

          Weitere Themen

          Wer wird das neue alte Ekel?

          Zweite Staffel von „Succession“ : Wer wird das neue alte Ekel?

          Die Serie „Succession“ ist eine bitterböse Abrechnung mit Amerikas Medienpolitelite, die von Folge zu Folge besser wird. Parallelen zu Rupert Murdoch lassen sich schwer übersehen. Durchhalten lohnt sich.

          Topmeldungen

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.
          Haus an Haus: Bisweilen liegen Wunsch und Wirklichkeit zumindest räumlich sehr nah.

          Hohe Immobilienpreise : Vom Traumhaus zur Realität

          Die Suche nach Immobilien bringt immer mehr Stress mit sich. Doch vom freistehenden Einfamilienhaus träumen die meisten Deutschen. Und ein Eigenheim hat viele Vorteile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.