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Rüdiger Safranski : Wie wird man bloß ein origineller Einzelner?

  • -Aktualisiert am

Warnt vor den digitalen Gespenstern: Rüdiger Safranski Bild: dpa

Noch nie war uns die Gesellschaft so dicht auf den Leib gerückt wie heute: Rüdiger Safranski widmet sich anspruchsvollen Konzepten der Selbstverwirklichung.

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          „Égoïste“, so nannte Chanel sein Herrenparfüm, das 1990 den weltweiten Markt in rasantem Tempo eroberte und den Konzern mit Umsätzen überraschte, die weit über die ursprünglichen Prognosen hinausschossen. Ganz sicher war dies auch das Resultat einer mit höchstem finanziellem und ästhetischem Aufwand inszenierten Werbekampagne, die bald schon Gegenstand kulturwissenschaftlicher Aufsätze wurde. In jedem Fall aber ist es ein schlagendes Beispiel für die Logik der modernen Konsumgesellschaft, in der sich der Einzelne nicht mehr nur durch Bildung und Kultur abhebt, sondern sich durch Kaufentscheidungen Distinktionsgewinne erzielen lassen.

          An diese soziologische Diagnose schließt Rüdiger Safranski in seinem neuen Buch an, das dem „Einzeln sein“ gewidmet ist. Selbstverwirklichung bedeute heute oft nur, so stellt er einleitend fest, entweder Selbstdarstellung oder Konsum. Vor diesem Hintergrund geht es ihm darum, Selbstverwirklichung „anspruchsvoller“ zu denken, und das heißt: sowohl als individuelle Anforderung an einen selbst als auch als konstante Auseinandersetzung mit der umgebenden Gesellschaft. Denn dieser gehört auch der Einzelne, ob er es nun will oder nicht, immer an.

          Von Genies und Individualartisten

          Safranski greift für seine Darstellung zurück in die Geschichte seit der Renaissance und skizziert Entwürfe des Selbstseins bei etwa zwei Dutzend Künstlern und Autoren – von Michelangelo über Montaigne bis zu Jean-Paul Sartre und Ernst Jünger –, die in knappen biographischen Skizzen und theoretischen Abrissen porträtiert werden. Dabei zeigt sich immer wieder Safranskis Könnerschaft, auch wenig eingängige Theorien präzise und anschaulich aufzubereiten. Auf den Begriff des „Einzelnen“ ist er nicht terminologisch festgelegt. Auch Egoisten sind dabei: Max Stirners „Einziger“ etwa, der alles, was über ihn hinausgeht, zu seinem Eigentum machen muss, um sich selbst nicht abhandenzukommen, oder Stendhals „Egotist“, dem es eher um die „Kunst zu scheinen“ zu tun ist als um das bloße Eigeninteresse. Was Safranski inter­essiert, ist eine Form des Selbstverhältnisses, dem es um seine ureigensten Möglichkeiten geht, um eine gesteigerte Weise des Selbstbezugs also.

          Rüdiger Safranski: „Einzeln sein“. Eine philosophische Herausforderung.
          Rüdiger Safranski: „Einzeln sein“. Eine philosophische Herausforderung. : Bild: Carl Hanser Verlag

          Beispiele hierfür reiht er chronologisch aneinander, will die Darstellung aber nicht als durchgehende Geschichte verstanden wissen. Statt einer einzigen reißt er viele verschiedene Linien an und legt Vergleiche nahe: vom Auftauchen des „Genies“ in der Renaissance zu einem „Individualartisten“ und Charismatiker wie Stefan George oder vom Todesdenken bei Luther oder Montaigne hin zum Existenzialismus des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Geld, Nützlichkeit und Verwertbarkeit

          Manche Konstellationen legt Safranski paarweise an, wobei die Aufnahme Diderots in den Kreis der Individualtheoretiker etwas gezwungen wirkt und offenbar dem Wunsch geschuldet ist, dem zwischen den Extremen von radikalem Rückzug und totaler Vergesellschaftung schwankenden Rousseau eine heiterere Gestalt der Aufklärung zur Seite zu stellen. Die Komplementarität von Martin Heidegger und Hannah Arendt, von Geworfenheit und Gebürtlichkeit, hat Safranski schon in seiner Heidegger-Biographie angelegt, was ihm seinerzeit den kritischen Einwand einbrachte, er reserviere damit für Arendt die undankbare Rolle, den Denker demokratisieren zu müssen.

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