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„Roppongi“ : Der Vater auf dem Scheiterhaufen

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Nicht todessüchtig, sondern lebensgierig: Der österreichische Schriftsteller Josef Winkler hat sich in seinem Werk immer wieder an der patriarchalen Übermacht gerieben. Sein neues Buch, ein „Requiem“, ist ein Befreiungsschlag.

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          Wer nur oberflächlich hinsieht, täuscht sich. Beschwört dieser sinistre Erzähler geradezu süchtig die Magie der Verdammnis? Kippt er langsam und lautlos in die Fluten seiner Todessehnsucht? Inszeniert er mit den rauschhaften Bildern des Zerfalls eine nekrophile Neigung? Wahr ist, dass Josef Winklers Erzählfigur den Blick von erschreckenden Todesszenarien nicht abwenden kann. Eine seltsame Faszination fesselt ihn an den Tod, eine unerklärliche Abhängigkeit bindet ihn an das Objekt seiner Beobachtung. Wieder und wieder evoziert er in der Novelle "Roppongi. Requiem für einen Vater" schauerliche Bilder von Sterbenden, von Zerfall, von Hinfälligkeit. Eine unerklärliche Angstlust fixiert ihn an seinen Stoff. Kein Zweifel, davon loskommen kann er nicht.Nur täuscht der erste Blick über die wahren Beweggründe, die den Erzähler vorantreiben. Nicht mit einem Todessüchtigen, sondern mit einem Lebensgierigen haben wir es im neuen Buch des österreichischen Schriftstellers zu tun. Josef Winkler ist ein Grenzgänger, der schreibend seine Angst in Lust verwandelt und mit dem riskanten Balanceakt knapp am Abgrund langfristig zu solidem Gleichgewicht findet. Nicht Jenseitsverherrlichung betreibt er in "Roppongi", sondern Selbstbefreiung im großen Stil. Dazu muss das Verdrängte allerdings in einem beunruhigenden Prozess, der auch den Leser keineswegs schont, immer wieder evoziert werden. Ins Unbewusste abgeschoben wird, was beängstigend ist. In Josef Winklers Werk lässt sich dieses Bedrohliche genau benennen. Auch in der neuen Novelle beherrschen die Macht des Todes und die patriarchalische Dominanz des Vaters das Erzählszenario - Motive, die keineswegs neu sind. Aber dieses Mal betreibt der Autor kraftvollen Exorzismus. Indem er das Beängstigende und Beherrschende beschwört, treibt er es gleichzeitig aus. Auf der Kehrseite der Todesobsession leuchtet in Wahrheit der Sieg des Lebens, auf der Rückseite der Auseinandersetzung mit dem beherrschenden Vater kündigt sich die Befreiung des verschütteten Ichs an.Vaterwärme unter der Kältemaske.Zentraler Ausgangspunkt dieses Prozesses ist die Nachricht vom Tod des neunundneunzigjährigen Mannes im Kärntner Bauernhaus. Fast ein Jahrhundert lang - mit Ausnahme der sechs Kriegsjahre - hat er hier gelebt, gearbeitet und über die um zwanzig Jahre jüngere Frau und seine Kinder regiert. Als der Vater stirbt, ist der Erzähler auf Einladung des österreichischen Botschafters auf Lesetournee in Japan. An einem Literatursymposion, zu dem er - vorbei an rauchenden Vulkanen - in die Berge von Nagano gefahren war, kommen ihm unwillkürlich die Worte über die Lippen: "Wenn er heute stirbt, fliege ich nicht zu seinem Begräbnis zurück." Es ist Samstag, der Schriftsteller liest die Geschichte vom Ackermann aus Kärnten, und als er zurück in Tokio ist, wo er im Stadtteil Roppongi im Internationalen Guest House wohnt, erfährt er, dass der Vater gestorben ist. Schon beim Eingang sieht er den Sekretär des Botschafters mit einem Zettel in der Hand und seine weinende, die zweijährige Tochter im Arm haltende Frau. Ein symbolischer Moment, eine krisenhafte Engführung des Lebens.Tatsächlich bedeutet "Roppongi" den Schlusspunkt einer verhängnisvollen familiären Tradition von Macht und Unterwerfung, von Härte und Lieblosigkeit oder genauer: von Vaterwärme, die sich nur unter der Maske von Kälte manifestierte. Nie zeigte das Oberhaupt seine Zuneigung offen. Im Gegenteil, er schlug dem Sohn die Herzlosigkeit der eigenen Kindheit aus dem Leib. Nie habe er das Kind, so erzählte ihm einmal die Mutter, auf den Schoß genommen - schon aus Angst vor dem Großvater, der den widerspenstigen Enkel nicht mochte und dem sich der Vater selbst ein Leben lang unterwarf, indem er sich alle Gesten der Zuneigung gegenüber dem Kind verbat. Schon der alte Patriarch hatte sich damals den Sohn vom Leibe gehalten, indem er ihm das Du-Wort erst nach dem dreißigsten Lebensjahr anbot.Winkler findet für die Ambivalenz, für die zuckende Hassliebe, welch das Verhältnis von Vater und Sohn regelt, aber auch für die Symptome der Verstümmelung ein großartiges Bild. Indem er ein braunstichiges Foto des Vaters aus den dreißiger Jahren beschreibt, das den Vater thronend auf der neuen, von zwei Pferden gezogenen Mähmaschine zeigt, die brüchigen Riemen in der Hand, nur noch ein Stumpf anstelle des kleinen Fingers der linken Hand, den ihm die Heuschneidemaschine als Dreijähriger abgetrennt hatte, bringt er wortlos die flirrende Aura von Distanz, Dominanz, Gewalt und Selbstbeschädigung, kurzum, die über Generationen weitergegebene ödipale Verstrickung von Vater und Sohn zur Sprache.Ebenso wortlos begehrt der Sohn gegen den Vater auf, indem er sich die Sprache zum Berufe macht. Nicht Bauer wird er, sondern Schriftsteller. Schreibend lehnt er sich auf, indem er mit der bäuerlichen Tradition bricht. Indem er in Worte fasst, was das Kind beschädigte, setzt er die Vatermacht außer Kraft. Schreiben wird zum subversiven Akt, den der Vater übrigens auf der Stelle durchschaut. Er ist der Erste, der die Umkehrung der Machtverhältnisse realisiert, die sich damit anbahnt. Geschriebenes ist es jetzt, was den Vater seinerseits bedroht - in seinem Ansehen, in seinem patriarchalen Selbstverständnis. Der Sohn schreckt nicht davor zurück, die dunklen Flecken seiner Heimat im Kärntner Dorf zu beleuchten: der Hass, die Gier, die Grausamkeit, die Dumpfheit, die Heuchelei, die Gewalt.Nach dem Erscheinen des Erstlings wird der Vater erstmals durch einen Film über seinen Sohn, den er zufällig im Fernsehen sieht, mit dessen gegen ihn gerichteten Hass- und Verzweiflungsgefühlen konfrontiert. Er könne über ihn schreiben, was er wolle, wenn es ihm helfe, lässt er ihn wissen. Nur solle er die beiden erhängten Buben im Dorf in Ruh' lassen. Er solle ihm keine Schande machen. Die Toten soll er in Frieden lassen. Der Fluch, den er ein andermal ausstößt, als ihm zu Ohren kommt, dass der Sohn in seinem Buch das gewalttätige Zusammenleben eines Paares aus dem Dorf anprangerte, scheint sich jetzt bitter zu bewahrheiten. "Wenn ich einmal nicht mehr bin", schleudert er dem Sohn entgegen, "dann möchte ich nicht, dass du zu meinem Begräbnis kommst." Nichts ist schlimmer für den Vater als der öffentliche Gesichtsverlust.Andacht und Bakschisch.Eine Schlüsselstelle. Mit der Sprache bricht der Sohn die Dämonie der väterlichen Herrschaft, indem er rücksichtslos hinter die Fassaden leuchtet. Mit der Sprache verwünscht der Vater den Sohn, weil er sich vor der Schande der unbequemen Wahrheiten fürchtet. In der Sprache bricht der Sohn sich gegen die Gebote der väterlichen Herrschaft einen Weg - und erlöst damit die ureigene Identität. Der Untergang des Vaters wird zum Akt der Selbstbefreiung, der Tod des Patriarchen zur Realisation der selbstdefinierten Identität.Wer jetzt allerdings meint, Winkler würde diesen Prozess geradlinig und kohärent zur Sprache bringen, täuscht sich. Als wolle er die Geburt des neuen Ichs seiner Erzählerfigur abbilden, kreist er um die beiden Grundmotive. Immer neue Bilder für Verfall, Verwesung, Sperma und Blut schleudert er heraus, mit immer neuen Beschwörungsformeln und Beschreibungszauber blendet er den verdrängten Todesgedanken in den Text. Raffiniert dabei, wie er die Szenerie der katholischen Bestattungsrituale im Heimatdorf mit den indischen Verbrennungszeremonien gegeneinander schneidet. In Varanasi, einer heiligen Stätte, beobachtet der Erzähler die gleichzeitig feierlichen und makabren, frommen und schamlosen Kulthandlungen der Domra, Leichenbestatter aus der Kaste der Unberührbaren. Indem sie die Toten auf den Scheiterhaufen anzünden und am Ufer des Ganga einäschern, verwalten sie Respekt und Andacht vor dem Tod - was sie aber nicht hindert, ihre Tätigkeit fallweise im Dienste des Bakschischs zu optimieren.Auch die Begräbnissitten in der Heimat sind nicht frei von Schrecken. Josef Winkler schildert die Rituale im Aufbahrungszimmer des Bauernhauses mit eindringlicher Genauigkeit, mit geradezu rücksichtsloser Grausamkeit. Sentimentalität und Einschüchterung, Trauer, Respekt und Gedankenlosigkeit prallen dabei unverblümt aufeinander. Über den Umweg der ungebändigten Bilderuptionen, der verbalen Beschwörungsformeln, des suggestiven Abwehrzaubers gelingt es Josef Winkler am Ende beinahe zwanglos, sich der Dämonie des Todes zu entledigen.-

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