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Ronald Dworkin: „Was ist Gleichheit?“ : Was darf der Lebensplan denn kosten?

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Bild: Verlag

Wenn der Neid erlischt, sind alle fair behandelt. Dann zumindest, wenn man wie der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin eine Theorie von Gerechtigkeit als Ressourcengleichheit entwirft.

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          Die ausgleichende Gerechtigkeit beschränkt sich darauf, das Unrecht wiedergutzumachen, das die eine Partei einer Rechtsbeziehung der anderen zugefügt hat. Hinter den Gerechtigkeitstheorien von John Rawls und seinen liberal-egalitären Nachfolgern steht eine viel anspruchsvollere Zielvorstellung. Diese Konzeptionen bezwecken eine tendenziell umfassende Neutralisierung natürlicher und sozialer Kontingenzen. Ungleiche Anteile an sozialen Gütern sind danach nur dann fair, wenn sie sich aus den Entscheidungen und absichtlichen Handlungen der Güterinhaber ergeben.

          Die einzelnen Personen müssen für die Kosten ihrer Entscheidungen selbst aufkommen. Unfair sei hingegen die Bevorzugung oder Benachteiligung aufgrund von Unterschieden in der natürlichen Ausstattung oder den sozialen Umständen. Wofür man nicht verantwortlich sei, was man nicht beeinflussen könne, das dürfe kein zulässiges Güterverteilungskriterium sein. Der Amerikaner Ronald Dworkin, einer der berühmtesten Rechtsphilosophen der Gegenwart, bekennt sich ebenfalls zu dieser Vorstellung.

          Eine Theorie der Ressourcengleichheit

          "Wir möchten", schreibt er, "ein Umverteilungsschema entwickeln, insoweit wir das können, das die auf unterschiedliche Talente zurückzuführenden Effekte neutralisiert, aber die Konsequenzen davon bewahrt, dass die Entscheidung einer Person, dieser oder jener Beschäftigung nachzugehen - die im Lichte davon gefällt wird, was diese Person mit ihrem Leben anfangen möchte -, vielleicht für die Gesellschaft kostspieliger ist als die Entscheidung, die eine andere Person trifft." Dworkin kleidet diese Idee in ein viel zitiertes Gegensatzpaar: Einerseits müssten wir zulassen, dass die Ressourcenverteilung zu jedem Zeitpunkt ambitionssensibel sei. Das heißt, dass sie Kosten und Nutzen der Entscheidungen für andere widerspiegeln soll. Andererseits dürften wir es nicht zulassen, dass die Verteilung der Ressourcen in irgendeinem Moment begabungssensibel sei. Den Menschen dürfe es deshalb nicht erlaubt werden, die durch überlegenes Talent erlangten Vorteile zu behalten.

          Dworkins Theorie der Ressourcengleichheit versteht sich als konzeptionelle Entfaltung dieser grundlegenden Intuition. Danach behandelt ein Verteilungssystem die Menschen dann als Gleiche, "wenn es so lange verteilt oder umverteilt, bis keine weitere Umverteilung ihren jeweiligen Anteil an Ressourcen gleicher machen könnte". Dworkin führt seine Lehre mit Hilfe des Gedankenexperiments einer hypothetischen Auktion ein.

          Das „Neidkriterium“

          Man stelle sich vor, so Dworkin, sämtliche Ressourcen einer Gesellschaft würden versteigert, und jeder könnte bieten. Alle Gesellschaftsmitglieder hätten anfänglich gleich viel Kaufkraft - einhundert Muscheln -, und sie dürften damit das ersteigern, was ihrem Lebensplan am besten diene. So sei gewährleistet, dass jeder die gleiche Rolle in der Bestimmung der schließlich erreichten Konstellation der Güterbündel spiele. Ferner werde am Ende jeder mit dem Ergebnis zufrieden sein in dem Sinne, dass ihm kein fremdes Güterbündel lieber sei als sein eigenes - sonst hätte er ja diese anderen Güter ersteigern können.

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