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Romuald Schaber: Blutmilch : Die Kuh als Hobby ist obszön

Romuald Schaber: „Blutmilch”. Wie die Bauern ums Überleben kämpfen Bild: Pattloch

Romuald Schaber betreibt im Allgäu einen Milchbauernhof. Sein Buch „Blutmilch“ schildert die bedrohte bäuerliche Lebenswelt mit einer poetischen Kraft, die den Agrarfunktionären unheimlich sein muss.

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          Natürlich kann man es einfach hinnehmen, wenn Kinder in ihrem Leben zuerst einem Schabrackentapir oder einem Breitmaulnashorn begegnen, ehe sie bei „Bauer sucht Frau“ erfahren, wie eine Milchkuh aussieht. Man kann sich auch damit abfinden, dass Begriffe wie „Kuh“, „Fressen“ oder „Saufen“ heute vornehmlich auf Theaterbühnen (“authentische Kuh“) oder an Bushaltestellen im Mund geführt werden und jedenfalls nicht mehr zur Beschreibung einer Welt dienen, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten und davor ganze Ewigkeiten lang das Leben der allermeisten Menschen bestimmt hat. Man kann sich aber auch dagegen wehren, so wie Romuald Schaber.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter betreibt im Allgäu einen Milchbauernhof in soundsovielter Generation, das heißt: Eigentlich kommt er kaum mehr dazu, weil er inzwischen von Kongress zu Kongress hetzt und also selbst zum Passagier der Berliner und Brüsseler „Raumschiffe“ (Schaber) geworden ist, die seiner Ansicht nach dringend auf dem fruchtbaren Boden der Tatsachen landen sollten. Der Wortführer der Bauernproteste des Sommers 2008 hat nun über das Auseinanderdriften seiner beiden Erfahrungswelten ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, dessen Inhalt und Titel („Blutmilch“) manchen Bauern mehr verstören wird als den großen Rest der Bevölkerung - weil es diesem ziemlich egal sein dürfte und weil jene darin das Prekäre ihrer eigenen Existenz vor Augen geführt bekommen.

          Die Milchwirtschaft fährt gegen die Wand

          Vier Punkte schärft Schader dem Leser als Tatsachen ein. Erstens: Zwischen 1995 und 2007 hat in der EU die Hälfte der Milchbauern aufgegeben. Zweitens: Unter denjenigen, die noch weitermachen, sind viele, die nicht mehr investieren, und viele andere, die investieren und deshalb aussichtslos verschuldet sind. Drittens: Der Milchpreis wird auf seinem niedrigen Niveau verharren, solange die Milchmenge, die in den Markt fließt, nicht wirkungsvoll begrenzt werden kann. Viertens: Wenn es so weitergeht, dann fährt der Karren gegen die Wand. Was dann bleibt, ist laut Schaber nicht die Welt, wie wir sie heute kennen, nur ohne Bauern. Nein, was dann kommt, ist etwas ganz anderes, was keiner gewollt haben und doch unumkehrbar sein wird: ödes Land, entvölkerte Alpen, logistisch bestens erreichbare Agrarfabriken - und gemähte Bergwiesen nur noch da, wo in der Nähe eine Seniorenresidenz ist.

          Aber stimmt das überhaupt? Der Deutsche Bauernverband hat doch erst kürzlich vermeldet, dass sich das Höfesterben in Bayern trotz sinkender Einkommen verlangsame. Sein Präsident hat darüber hinaus die Bauern für ihre „unternehmerische Einstellung“ gelobt. Die „enorme Erzeugungssteigerung“ habe ihre Ursachen „im Einsatz modernster Technik, computergesteuerter Produktionsprozesse und nachhaltiger Landbewirtschaftung“. Und überhaupt: Jammern die Bauern nicht ständig und rufen nach Subventionen, während auf dem Hof der dicke Fendt neben dem kaum weniger dicken Daimler steht? Sterben nicht auch Zeitungen, Zechen, Zirkusse?

          Tierschutz leidet auf vielen Höfen

          Und was schreibt der Schaber ständig vom Tierschutz, wo doch gerade die Bauern schon mal Katzen, anstatt sie sterilisieren zu lassen, in einen Sack packen und an die Wand klatschen? Schließlich: Will Schaber etwa zurück in die Landwirtschaft der fünfziger Jahre, die einst Franz Innerhofer in seinem Buch „Schöne Tage“ als Hölle auf Erden beschrieben hat?

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