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: Rom reimt sich auf Kondom

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Das Finale im Machtkampf um den Parteivorsitz des African National Congress ist erreicht. Die beiden Rivalen, der Favorit Jacob Zuma und der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, begegnen uns auch in der engagierten Streitschrift "Gott, Aids, Afrika" von Stefan Hippler, Pfarrer der deutschsprachigen ...

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          Das Finale im Machtkampf um den Parteivorsitz des African National Congress ist erreicht. Die beiden Rivalen, der Favorit Jacob Zuma und der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, begegnen uns auch in der engagierten Streitschrift "Gott, Aids, Afrika" von Stefan Hippler, Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde Kapstadts, und Bartholomäus Grill, langjähriger Südafrika-Korrespondent der "Zeit". Mbeki taucht darin auf, weil er über Jahre zur Bagatelle erklärte, dass sein Land die höchste Aids-Prävalenzrate (Erkrankte im Verhältnis zur Bevölkerungszahl) Afrikas aufweist: Tausend Menschen sterben täglich an der Folgen der Immunschwäche. Zuma blamierte sich in einem Vergewaltigungsprozess, den eine HIV-positive Bekannte gegen ihn angestrengt hatte, durch die Aussage, sich durch eine anschließende Dusche vor dem Virus geschützt zu haben.

          Damit stehen sie nicht allein. Die Gesundheitsministerin, Manto Tshabalala-Msimang, empfiehlt Knoblauch, Rote Beete und Olivenöl. Auch wenn der Ernst der Pandemie allmählich erkannt zu werden scheint - am desaströsen Versagen der südafrikanischen Regierung lassen die Verfasser keinen Zweifel. Der Hauptadressat des Buches allerdings ist Papst Benedikt XVI., dem man, leicht prätentiös, "ein Exemplar nach Rom senden" wolle. Von dem erhoffen sich die Verfasser eine Wende in der Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Empfängnisverhütung. Infizierte würden implizit als Sünder behandelt. Eine weltfremd gewordene Kirchenführung "setzt Menschen, die diese Lehre befolgen, dem Risiko aus, sich mit einem tödlichen Virus zu infizieren". Von einer "strukturellen Sünde" ihrer Institution sprechen die Autoren: "Die Kirche, der Leib Christi, ist vom Virus infiziert."

          Die theologische Argumentation ist gegenüber der lebensweltlichen ("Man muss das Elend sehen, hören, riechen und schmecken, um es zu begreifen") nur schwach ausgeprägt. So wird der historische Charakter der katholischen Sexuallehre betont. Die "große Prüderie" sei über die griechische Philosophie in das Christentum gelangt: eine Anspielung auf Paulus' stoische Prägung. Festgeschrieben habe die restriktive Lehre Augustinus. Sie sei endlich der modernen Wirklichkeit anzupassen. Hippler regt an, sich nach dem Vorbild der orthodoxen Kirche am Prinzip der "oikonomia" zu orientieren, das in Notsituationen Ausnahmen von den Regeln zulasse.

          Im Vatikan dürfte der Auslandsseelsorger damit kaum als satisfaktionsfähig gelten. Doch daran liegt ihm auch nicht: "Ich habe keinen theologischen Lehrstuhl inne und auch kein Interesse an einer Kirchenkarriere". Seine Herausforderung ist anders geartet als jene, mit der vor zwei Jahrzehnten Eugen Drewermann den Sinn des Zölibats infrage stellte. Dass Hippler und manche seiner in Afrika tätigen Mitbrüder die römischen Vorschriften offen missachten, indem sie massenhaft lebensrettende Kondome verteilen, dürfte nicht nur hierzulande überwiegend als Dienst an der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche aufgefasst werden. Grill und Hippler verbinden mit ihrem Appell eine viel weiter gespannte Hoffnung: Die katholische Kirche könnte "als größte globale Institution wie keine andere gegen die HIV/Aids-Pandemie kämpfen."

          Was das Buch so lesenswert macht, ist nicht zuletzt seine theologieferne Dimension: der Einblick in die tägliche Arbeit derer, die sich um die oft isolierten Aidskranken kümmern. Das von Hippler mitinitiierte Projekt "Hope Cape Town" betreibt seit acht Jahren eine eigene Abteilung für Infektionskrankheiten im Kinderkrankenhaus von Tygerberg. Die permanente Konfrontation mit "Apartheid im Gesundheitswesen" und mit einer "Culture of denial" wird deutlich. "Hope" baut modellhaft auf dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe auf. Dem Krankenschwestermangel etwa wird durch die Ausbildung von Township-Bewohnern zu "Health workers" begegnet. Ein großes Problem stellt auch die Neigung vieler Südafrikaner dar, dem Versprechen der traditionellen Heiler, Aids spirituell kurieren zu können, Glauben zu schenken. Die Gesundheitsarbeiter von "Hope" gingen daher auf die Sangoma-Heiler zu. Gemeinsam wurde ein gegenseitiges Überweisungssystem erarbeitet.

          Zwei Dinge scheinen problematisch an dieser Streitschrift: der nicht sonderlich elaborierte, aber hoch emotionalisierte Stil: "Der Tod schaut uns aus hundert Gesichtern an". Hinzu kommt eine konzeptionelle Unentschiedenheit. Man möchte nicht nur eine "Aids-Theologie" stimulieren und Spenden für das "Hope"-Projekt erbitten. Es soll zugleich Basiswissen über die Krankheit vermittelt, die afrikanische Kultur hinterfragt und der Blick auch auf staatliche Diskriminierungen weltweit, auf "die Hungernden, die Gefolterten, die Gemordeten", auf Kriege, die Globalisierung und die Pharmaindustrie sowie auf die Geschehnisse "in Abu Ghraib, Guantanamo und all den Folterkammern der Welt" gerichtet werden.

          Dahinter steht eine so schlüssige wie lähmende Argumentation, auf die schon das Vorwort von Henning Mankell - ein zum Weltaidstag 2005 in der "Zeit" veröffentlichter Text - zuläuft: Die "aberwitzige Schieflage der Weltwirtschaftslage" müsse abgeschafft werden, sonst seien alle Bemühungen vergeblich. Aber sollte es ganz unmöglich sein, noch vor der Weltrevolution gegen die HIV/Aids-Pandemie vorzugehen? Ein erster Schritt wäre schon getan, wenn der Vatikan endlich einsähe, was nicht zu leugnen ist: Rom reimt sich auf Kondom.

          OLIVER JUNGEN

          Bartholomäus Grill, Stefan Hippler: "Gott, Aids, Afrika." Eine Streitschrift. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 207 S., geb., 17,90 [Euro].

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