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Rolling Stones : Spielen, bis die Finger bluten

Keine Spur von Müdigkeit: Keith Richards spielt und spielt Bild: Abbildung aus "Rip This Joint"

Das gefährlich-wilde Image der Rolling Stones und ihre Konzert-Schwerstarbeit auch in hohem Alter verdecken ihre kompositorischen Leistungen. Jetzt erzählt ein Buch die Geschichte ihrer Musik.

          Eines Nachts im Jahre 1964, so erzählt es die Legende, erwachte Paul McCartney mit einer Melodie in seinem Kopf, die ihm im Traume zugeflogen war. Er setzte sich hin und nahm das auf, was einmal den Titel „Yesterday“ tragen und ein Welthit werden sollte.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eines Nachts im Jahre 1965, es war während einer Amerika-Tournee, wachte auch Keith Richards auf - ebenfalls mit Musik in seinem Kopf. Er griff sich seine neue Gibson Fuzzbox und nahm das auf, was einmal „I Can't Get No Satisfaction“ heißen sollte. So unterschiedlich kann das Resultat klingen, wenn Musiker unter Schlafstörungen leiden.

          Daß Keith Richards in den sechziger Jahren des Nachts nicht nur Drogen und Alkohol zu sich nahm, sondern auch Lieder schrieb und mitunter sogar schlief, erfahren wir aus Steve Applefords Buch „The Rolling Stones - Rip This Joint“, das uns die Geschichte der Stones durch ihre Musik erzählt: „Die Story zu jedem Song“ will uns der amerikanische Musikjournalist Appleford liefern.

          Die Musik hinter dem Image

          Applefords Ansatz ist lobenswert - und origineller, als man glauben mag. Während nämlich bei den Beatles jeder einzelne Song Legionen von Sinnforschern zu akribischer Textexegese animiniert hat und in jedem Akkord eine tiefere Bedeutung vermutet wurde, wird der kompositorischen Leistung der Rolling Stones weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Sie wird verdeckt durch das gefährlich schillernde Image der Band, durch die Eskapaden ihrer Mitglieder, durch die bis heute andauernden Konzerttourneen der seit nunmehr vierzig Jahren bestehenden Rockgruppe, der man längst historische Größe bescheinigen darf.

          Steve Appleford aber vergißt über dieser gigantischen Karriere nicht das musikalische Detail. Song für Song beleuchtet er die künstlerische Entwicklung von Jagger, Richards und ihren Mitstreitern: von den frühen Diebeszügen der jungen Briten, als diese „die Seele des amerikanischen R & B stahlen“, über die von Brian Jones mit den bizarrsten Klängen bereicherten Pop-Perlen Mitte der Sechziger, vom Back-To-The-Roots-Rock auf „Exile On Main Street“ bis zu den nach wie vor energiegeladenen Spätwerken.

          Blutende Finger

          Das Buch ist eine Fundgrube für Fans, aber längst nicht nur für diese. Natürlich erfahren wir kuriose Dinge, die fürs Verständnis der Musik nicht eben notwendig sind - etwa daß bei der Aufnahme von „Goin' Home“ nicht nur eine junge Dame anwesend war, die einen Pelzmantel und sonst nichts trug, sondern offenbar auch eine weiße Ente durchs Studio irrte.

          Vielsagender schon ist die Erinnerung des Tontechnikers daran, wie sich Mick Jagger über Stunden mit dem Produzenten über den Sound des Schlagzeugs stritt, während Keith Richards unermüdlich auf seiner akkustischen Gitarre spielte, bis seine Finger zu bluten anfingen. So geschehen vor der Aufnahme von - passenderweise - „Let It Bleed“.

          Das Buch würdigt die Beiträge der zahlreichen Gastmusiker und erläutert, wie sich die unterschiedliche Handschrift der aufeinanderfolgenden Stones-Gitarristen Brian Jones, Mick Taylor und Ronnie Wood im Repertoire niederschlug. Es spürt nach den Einflüssen alter Stones-Helden wie Chuck Berry und gibt Einblicke in die enorm fruchtbare Zusammenarbeit der „Glimmer Twins“ Jagger und Richards.

          Peinlich und mißlungen

          Appleford schätzt die Stones, keine Frage; andernfalls hätte er kaum ein Buch über sie verfaßt. Von der Masse der Musikbücher hebt sich sein Werk freilich ab dadurch, daß es nicht aus der eingeschränkten Perspektive des unkritischen Fans geschrieben ist. 40 Jahre bieten reichlich Zeit, um auch manchen Mist zu komponieren - den Appleford auch als solchen benennt, ganz in der ehrlichen, unverblümten Sprache, wie sie auch den Stones zueigen ist.

          So schmäht er Lieder als „mißlungen“ („Take It Or Leave It“) oder „nur peinlich“ („Sing This All Together“) und attestiert, daß die Band bei „Their Satanic Majesties Request“, ihrem Ausflug ins Psychedelische, „fast sklavisch dem Modetrend“ hinterhergelaufen sei. Mick Jaggers Songtexte kritisiert er als simpel, oberflächlich und frauenfeindlich. Dem Doppelalbum „Exile On Main Street“, das bei Kritiker-Umfragen regelmäßig zu den besten Platten aller Zeiten gerechnet wird, bescheinigt er generös eine „gewisse Größe“.

          Die größte Band aller Zeiten

          Und dennoch entsteht bei der Lektüre des Buches kein Zweifel daran, daß auch Appleford die Rolling Stones für das hält, was sie ganz ohne Zweifel sind: die bedeutendste Rockband aller Zeiten. Wer nach „Rip This Joint“ mit seinen treffenden Analysen, plastischen Beschreibungen und sehenswerten Fotos nicht sofort eine Stones-Platte auflegt oder sich, sollte er keine zur Hand haben, schnell eine besorgt, der mag sich für vieles interessieren, aber kaum für Musik.

          Bei dem Anspruch des Buches, der in weiten Teilen eingelöst wird, sind einige vermeidbare Fehler um so ärgerlicher. So starb Brian Jones nicht, wie es in der Chronik heißt, mit 25, sondern erst mit 27, und kam Mick Jagger nicht 1944 zur Welt, sondern ein Jahr früher. Und schließlich, liebe Klappentexter: Die korrekte Übersetzung des englischen „Song by Song“ lautet leider nicht „Song bei Song“.

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