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Rolf Eberfeld: Sprache und Sprachen : Hinter den Verben muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Karl Alber

Chinesisch zu lernen mag mühsam sein, aber es lohnt sich: Rolf Elberfeld untersucht in seinem neuen Buch die Sprachen der Welt als Schatzkammer philosophischer Einsichten.

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          Wer sich in einer fremden Sprache ausdrücken und bewegen kann, der entwickelt einen Sinn für den Charakter dieser Sprache. Und er spürt, dass die Vertrautheit mit ihr weit mehr bedeutet als die perfekte Beherrschung von Vokabeln und Grammatik. Andererseits erlebt er, dass es möglich ist, etwas aus der Welt der fremden Sprache in die eigene zu übertragen.

          Selbst unbeholfene Erzählungen, Übersetzungen und Interpretationen können Facetten einer fremden Welt sichtbar werden lassen und ungeahnte Impulse geben. Diese Erfahrungen verweisen auf zwei Qualitäten der Sprache, die scheinbar in einem Widerspruch stehen: Die erste Qualität ist die Eigenart, aus der sich eine spezifische Weltsicht ergibt, die typisch ist für die Sprache einer Kultur. Die zweite ist die lebendige Prozesshaftigkeit, aufgrund deren Sprachen sich in der Begegnung mit neuen Inhalten und Denkformen weiten und verändern können.

          Es ist diese Spannung, die unmittelbar in den Blick kommt, wenn man über die philosophische Bedeutung der Vielfalt der Sprachen nachzudenken beginnt: Den Sinn für die Eigenart einer philosophischen Tradition zu entwickeln bedeutet auch, zu verstehen, dass deren Zeugnisse niemals vollkommen in eine andere Sprache übersetzt werden können. Und trotzdem waren und sind es Übersetzungen, die die Entwicklung einer Sprache und ihrer Kultur in vielfältiger Weise bereichern.

          Die umfassende Rezeption griechischen Denkens im alten Rom, die lateinischen und griechischen Fassungen der hebräischen Bibel zur Zeit des Frühchristentums, die über tausend Jahre hinweg geleistete Übersetzungsarbeit der buddhistischen Sutren ins Chinesische oder auch die Übertragung der konfuzianischen Klassiker ins Lateinische zu Beginn der Aufklärung sind nur einige Beispiele von solchen Übertragungsprozessen, die das Gesicht einer Kultur tiefgreifend verändert haben.

          Ein Grundlagenwerk der Sprachgeschichte

          Die Vielfalt der Sprachen und ihrer Wechselwirkungen ist somit ein Kennzeichen der philosophischen Entwicklungen der vergangenen 2500 Jahre, doch was bedeutet dies aus philosophischer Sicht? Als Antwort auf diese Frage hat nun Rolf Elberfeld mit seinem Buch „Sprache und Sprachen - eine philosophische Grundorientierung“ ein Grundlagenwerk geschaffen, das erstmalig einen Überblick über die Geschichte, die Eigenart und die philosophische Bedeutung der Sprachen der Philosophie gibt.

          Elberfeld beginnt seine Ausführungen mit einer kurzen Darstellung der Geschichte der Reflexion über die Vielfalt der Sprachen in Europa: Hierbei wird deutlich, dass dieses Nachdenken besonders im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert infolge der vielfältigen Begegnungen mit außereuropäischen Kulturen wichtige Anstöße erhielt. So war es vor allem Wilhelm von Humboldt, der in seinen Reflexionen über Denken und Sprache, über die philosophische Bedeutung der Vielfalt der Sprachen zu Ergebnissen gekommen ist, die bis heute als Orientierung für dieses Thema dienen können.

          Wider den Sprachrelativismus

          Aus diesem Grund macht der Autor Humboldts sprachphilosophische Reflexionen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. So kann er einen weiten Blick auf das Thema gewinnen, ohne einem Sprachrelativismus (eines Sapir oder Whorf) oder einem Sprachuniversalismus à la Chomsky das Wort zu reden. Weiterhin ergibt sich aus diesem Ansatz die Notwendigkeit, alle Sprachen, in denen philosophiert wurde und wird, miteinzubeziehen. In den Worten Elberfelds: „Philosophie kann zu Beginn des 21. Jahrhunderts weniger denn je auf die Diskurse in Europa und in Nordamerika beschränkt werden.“

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