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Rolf Bauerdick: Zigeuner : In Wolkendorf währte die Zeit des Aufbruchs nur kurz

Bild: Deutsche Verlags Anstalt

Gründlich recherchiert, mitreißend erzählt und politisch gar nicht korrekt: Rolf Bauerdick berichtet vom Leben der Zigeuner nach der Epochenwende von 1989.

          Rolf Bauerdick tut es doch. Nicht, um zu provozieren, sondern um aufzuklären. Wie viele seiner Protagonisten hält er „Zigeuner“ für einen „ehrenwerten Begriff“, für eine korrekte Bezeichnung eines Volkes, das sich selbst starren Definitionen verweigert. Bauerdick stellt dem politkorrekten Regelwahn der Antiziganismusforscher und Verbandsfunktionäre die Selbstbekenntnisse und das wirkliche Leben der Zigeuner gegenüber, denen er auf seinen Reisen begegnete. Er fordert Respekt für Zigeuner, die keine Roma sein wollen, und umgekehrt, und er greift die Opferverbände an, die ihre Klientel entmündigen und jede Analyse der Misere ersticken mit Verweis auf Rassismus und Armut.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Auf diese Weise hätten sie erfolgreich verhindert, dass über innerethnische Abhängigkeiten gesprochen wird. Darüber also, wie grausam und leider sehr erfolgreich Roma vor allem von den eigenen Leuten ausgebeutet werden, wie die Kinder missbraucht, die Frauen misshandelt und oft um den größten Teil des kargen Lohnes für Gelegenheitsarbeiten betrogen werden. Oder wie Zinswucherer ihre Schuldner unter massiven Drohungen zu Prostitution, Bettelei und Bandendiebstahl zwingen. Das Schweigen der Funktionäre zu diesen massiven Menschenrechtsverletzungen - und nichts anderes sind sie, begünstigt dieses Elend, das ja längst bis nach Deutschland reicht. Wird dieses Schweigekartell nicht bald aufgebrochen, könnte sich auch hierzulande - und zum zweiten Mal in der jüngeren Einwanderungsgeschichte - eine Parallelwelt etablieren, mit eigenen Stammesregeln und Gesetzen, denen jeder ausgeliefert ist, den sie gefangen hält.

          Realistische Schilderung von Lebenswirklichkeiten

          Rolf Bauerdick ist ein mitfühlender Beobachter und Begleiter, aber auch ein gründlicher Reporter, der nachhakt und zu verstehen versucht, warum trotz hoch erregter öffentlicher Debatten, die das offenkundige Elend der größten europäischen Minderheit in stereotypen Fertigsätzen geißeln, sich für die Betroffenen nichts verbessert. Leidenschaftlich polemisiert er gegen den Unsinn, ein Volk mit unzähligen Facetten, unterschiedlichsten Traditionen und Selbstbeschreibungen zum politisch korrekten, aber falschen „Sinti und Roma“ zusammenzupacken und als ewige Opfer feindseliger Mehrheitsgesellschaften einzuhegen.

          In vierzehn Kapiteln schildert Bauerdick nicht nur die Lebenswirklichkeit seiner Protagonisten; ihn interessieren die Hintergründe, die Spuren der Zeit, vor allem nach der Epochenwende von 1989. Immer wieder besuchte er die Roma-Siedlungen am Rande Europas, schloss dort Freundschaften, unterhielt sich mit politischen Roma-Aktivisten, Kriminologen, Ethnologen, den engagierten Helfern der Caritas, mit Bürgermeistern und Lehrern, die nicht selten am Bildungsfatalismus der Eltern und an der Vergeblichkeit ihres Tuns verzweifeln. Die Zigeuner, meist Ungelernte, verloren in den postsozialistischen Gesellschaften als Erste ihre Jobs, aber auch die traditionellen Gewerbe, mit denen viele seit Jahrhunderten überlebten, wurden überflüssig. Und so traf Bauerdick auf Bärenführer ohne Bären und Kesselflicker, die wegen der Billigimporte ihr Auskommen ersatzlos verloren, oder Pilzesammler, die wegen des Klimawandels keine Pilze mehr finden. Und er beschreibt, wie die Abhängigkeit von Wohlfahrtsleistungen bei den meisten jeden Impuls unterdrückt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

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