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Roger de Weck über Demokratie : Ein Gespür für Reaktionäre

  • -Aktualisiert am

Glaubt an die Kraft direkter Demokratie: der Schweizer Publizist Roger de Weck Bild: Picture-Alliance

Politisch korrekt und immer auf der Seite der Guten: Roger de Weck sucht nach einer Antwort auf die autoritäre Neue Rechte und will die Demokratie erneuern. Das gerät ihm recht plakativ.

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          Hier steht jemand immer auf der richtigen Seite. Ob Klimawandel, Rechtspopulismus, Digitalisierung, Europa, Kapitalismus oder politische Korrektheit: Stets gilt es im Reich der Guten, auf die „Kraft der Demokratie“ zu setzen. Damit kann man nichts falsch machen. Es sagt allerdings auch nicht sehr viel aus. Der Schweizer Publizist Roger de Weck sieht sich dennoch in der Rolle des Demokratieverstehers und hat ein ganzes Buch zum Thema geschrieben. Der Autor hat ein starkes Sendungsbewusstsein. Sein Ziel: die Erneuerung der liberalen Demokratie. Seine Gegner: die „autoritären Reaktionäre“. Seine Mittel: ultrakapitalistische „Machtwirtschaft“ bekämpfen, politisch korrektes Denken stärken, Umweltbewusstsein schärfen.

          Der ideologisch angestaubte Begriff der „Reaktionäre“ bezeichnet in dem Buch rückschrittliches Denken im Dunstkreis der Neuen Rechten. Wer hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurückfalle, sei reaktionär und werde so genannt, „egal, ob er extremistisch, radikal oder ,bloß‘ rechtspopulistisch ist“. Müssten also religiöse Fanatiker, die sich gegen die Aufklärung stellen, nicht auch zu den Reaktionären zählen?

          Davon ist bei de Weck lieber nicht die Rede. Sein Interesse gilt ausschließlich den Rechten, vorrangig der westlichen Welt. Zu seinen Protagonisten gehören auf der politischen Bühne die üblichen Verdächtigen wie die AfD, Trump, Victor Orbán; auf dem Feld der Intellektuellen Uwe Tellkamp, Götz Kubitschek, Monika Maron, Botho Strauß. Die kritische Skizzierung ihrer Positionen wird angereichert mit kurzen historischen Ausflügen und allzu flüchtigen Seitenblicken auf angebliche Vordenker oder Vorbilder wie Carl Schmitt oder Arnold Gehlen.

          Auf diskursiver Ebene beobachtet er, worüber in jüngster Zeit weidlich berichtet und debattiert wurde: das Negieren von Komplexität, fehlende Differenzierung, identitäre Aufladungen, Ausländerhass, das Antikorrekte und die politische Korrektheit sowie das neurechte Bestreben, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Das rechte Denken halte Einzug in die Mitte der Gesellschaft, Konservative verbündeten sich mit Reaktionären.

          Gefallen am „Missmutsdiskurs“

          Das Gefallen am allgemeinen „Missmutsdiskurs“ glaubt de Weck auch in einigen Medien beobachten zu können. Gehört die „Neue Zürcher Zeitung“, das deutschsprachige „Kampfblatt gegen alles Korrekte“, zu seinen Lieblingsfeinden, attestiert er auch dem deutschsprachigen Feuilleton eine gewisse Mitschuld am Erstarken neurechten Denkens – zumindest dann, wenn es die Ursache dafür im linksliberalen Mainstream sieht, der die Themen der Neuen Rechten nicht ernst genug genommen habe. Mit Rechten reden? Davon hält der Autor nicht allzu viel. Das Zugehen auf „eine hemmungslose Basis“, etwa in der Wählerschaft der AfD, stärke bloß die „Volksverführer“.

          De Weck bleibt lieber politisch korrekt: für Gender, Postkolonialismus und mehr (direkte) Demokratie. Die Aufregung über das diskursive Eingreifen der politisch Korrekten hält er für künstlich. Ungeachtet der schleichenden sprachlichen Veränderungen, die dem Gebot der Genderneutralität und Diversität samt dem Verbot kultureller Aneignung Rechnung tragen und bis in die Verwaltungssprache greifen, glaubt er, das sei nur eine Randerscheinung – ein Nebenschauplatz, auf dem es nur sehr wenige „Ultrakorrekte“ gebe, die es vielleicht ein wenig übertrieben. In der Sache hält er ihren Ansatz aber für vollkommen richtig: Auch die konventionellste Sprache schaffe Realitäten und spiegele sie nicht bloß.

          Auf dem Weg in die „Amazon-Demokratie“

          Auf ökonomischer Ebene beklagt de Weck das Primat der Wirtschaft gegenüber der Politik. Die Marktwirtschaft verkomme zu einer Machtwirtschaft, dereguliert, neoliberal, unsozial. Es drohe eine „Milliardärsdemokratie“, eine „Spagat-Demokratie“ zwischen Arm und Reich oder eine „Amazon-Demokratie“. Hier kommen die Reaktionäre ins Spiel: Sie ersetzten, schreibt de Weck, das gescheiterte „deregulierte Ich-Ich-Ich“ durch das „nationale Wir-Wir-Wir“.

          In der Rolle des Demokratieerneuerers macht de Weck zwölf Vorschläge für die Demokratie, die erwartungsgemäß moderat ausfallen und so neu nicht sind. In Anlehnung an Bruno Latour schwebt ihm eine „hybride Aufklärung“ vor, in der die Umweltfrage im Vordergrund steht. Die Umwelt sei „in uns drin“ und müsse als Mitbürgerin angesehen werden, etwa in Form eines Umweltrates, einer Umweltkammer oder einer allgemeinen Erklärung der Rechte der Natur. Ohne Zweifel ist die ökologische Frage dringlicher denn je – ob die Institutionen, die de Weck vorschweben, irgendetwas ausrichten könnten, ist indessen fraglich; und dass die „autoritären Reaktionäre“ sich davon beeindrucken lassen könnten, erst recht.

          Und so bleiben nach der Lektüre ausgereizte Themen, vorhersehbare Thesen und Banalitäten, über die man nur staunen kann: „Menschen prägen die Demokratie, die Demokratie prägt die Menschen.“ Oder: „Das Auftrumpfen der Antidemokraten fordert die Demokraten auf, die Demokratie zu reflektieren.“ Und „vor allem ist die Zukunft anders als unsere Zukunftsvorstellungen“. Man könnte auch sagen: Formuliere politische Binsenweisheiten auf der Höhe des Zeitgeistes, und schon entsteht ein weiteres Buch, das diese Welt nicht braucht.

          Roger de Weck: „Die Kraft der Demokratie“. Eine Antwort auf die autoritären Reaktionäre. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.326 S., geb., 24,– €.

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