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Robin Lane Fox: Die klassische Welt : Aus der Perspektive des reisenden Monarchen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Mit dem Feuer einer durch Geschmack und Humor gezügelten Passion für die Antike: Robin Lane Fox erzählt eine hinreißende Geschichte der Klassischen Welt von Homer bis Hadrian.

          5 Min.

          Wer die griechisch-römische Antike in ihrer Gesamtheit zu schildern unternimmt, bedarf einer leitenden Idee. Eine gute Wahl war und bleibt das Begriffspaar Herrschaft und Freiheit. Gelehrte wie Michael Rostovtzeff, Alfred Heuß und Werner Dahlheim sahen die Einheit der klassischen Welt in dieser Polarität, die auf die aristokratische Grundstruktur der Gesellschaft verwies und Gestalt gewann in der autonomen Stadt. „Die Symbiose von Römer- und Griechentum“, so Heuß vor gut sechzig Jahren, „konnte sich so auf der Basis eines gleichgearteten Sozialtypus und eines gemeinsamen Bildungssubstrates vollziehen. Nur so war eine römisch-griechische Gesellschaft als Einheit möglich. Sie existierte so lange, als die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen für das autonome Stadtbürgertum vorhanden waren.“ Neuere Entwürfe betonen dagegen eher die vielgestaltigen Kommunikationen und Hybridisierungen in der Mittelmeerwelt und den angrenzenden Regionen. Stand zuvor mit der Autonomie ein knappes und prekäres politisches Gut im Mittelpunkt, so dominiert nunmehr das Modell des Netzwerkes und richtet sich der Blick stärker auf Ökonomien, Kulturen und Religionen.

          Robin Lane Fox würde gewiss die Vermutung weit von sich weisen, er habe eine Synthese zwischen beiden Entwürfen gesucht. Gleichwohl kann man sein Buch als eine solche lesen. Die Vernetzung stiftet er mit einem kompositorischen Kunstgriff, der genial genannt zu werden verdient, weil er gleichzeitig die politisch-kulturelle Agenda der Netzwerkhistorie unterminiert. Als Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christus das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreicht hatte, bekam es mit Hadrian einen Kaiser, der sich die Oikumene durch mehrere ausgedehnte Reisen gleichsam erschloss. Indem Hadrian in Griechenland, Ägypten, Kleinasien und Britannien, auf Sizilien und im Vorderen Orient auch historische Stätten und Gedächtnisorte besuchte, lässt sich sein Itinerar zugleich als eine Kette von Begegnungen mit der Geschichte der Griechen und Römer ansprechen.

          Mit Hadrian reisen

          In dieser Zeit war ein letztes Mal friedlich und unbedroht vereint, was die klassische Welt ausmachte, und der aus Spanien stammende Herrscher war der „lebende Beweis für die gemeinsame Kultur im Geist des Hellenismus, in dem die Schicht der Gebildeten des Kaiserreichs sich jetzt zusammenfand“. In dieser Epoche hatte das Imperium zugleich die grundlegende Umwälzung auch seiner leitenden Wertideale durch das Christentum noch vor sich - die Welt von Heiden und Christen in der Spätantike hat Lane Fox vor knapp fünfundzwanzig Jahren in einem eigenen, noch immer sehr lesenswerten Buch dargestellt. Ferner kein Zufall: Mit dem nach Hadrian übernächsten Kaiser, Mark Aurel, ließ Gibbon einst den Verfall des Römischen Reiches beginnen.

          Indem Lane Fox die Perspektive des reisenden Monarchen einnimmt, gewinnt seine Rekonstruktion der antiken Geschichte eine geradezu zwingende Evidenz: Klassik gab es bereits in der Antike, das Konzept ist keine Erfindung von Winckelmann und Humboldt, und mit dem philisterhaften Epigonentum der auf diese folgenden Generationen hat sie schon gar nichts zu schaffen. Lane Fox lädt seine Auswahl auf: Der große universalhistorische Zusammenhang der griechischen und römischen Geschichte ist zugunsten einer klaren Fokussierung weggelassen. Wohl ließen sich, so heißt es programmatisch, „Griechen und Römer immer wieder von zahlreichen Nachbarkulturen befruchten - so von der persischen, phönikischen, ägyptischen und jüdischen -, und ihre Geschichte war zeitweise mit der Geschichte dieser Völker verknüpft. Aber als erstklassig galten in ihrer Welt wie der unseren zu Recht die Kunst, Literatur und Philosophie, die Denkweise und die Politik, die ihnen selbst eigen war.“

          Dieses Bekenntnis dürfte Anstoß erregen, weil es politisch wunderbar unkorrekt ist und ins Gedächtnis ruft, dass jeder deutenden Auswahl eine Wertentscheidung zugrunde liegt, die gerade im Fall der klassischen Antike auch eine ästhetische sein muss. Merkwürdigerweise hat der Verlag diese Pointe durch den Untertitel verdeckt: Eine „Weltgeschichte“ bietet Lane Fox eben gerade nicht. Der Originaltitel kennzeichnet das Buch richtig - eine „epic history“, erzählend zugleich und rühmend. Die Übersetzerin übrigens hat den durchaus anspruchsvollen Duktus des Autors insgesamt gut bewältigt, doch mangelt es hier und da an Prägnanz.

          Freiheit, Gerechtigkeit und Luxus

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