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Roberto Savianos „Zero Zero Zero“ : Unsere Welt im Würgegriff der Kokain-Mafia

Roberto Saviano: „Manchmal glaube ich, es ist eine Obsession.“ Bild: dpa

Der Stoff, den der Kapitalismus braucht und der Demokratien bedroht: Der italienische Investigativ-Journalist Roberto Saviano zeigt in seinem neuem Buch „Zero Zero Zero“ unsere Welt im Würgegriff der Kokain-Mafia.

          „Ich möchte mit meinen Händen in die Grausamkeit eintauchen, dort herumwühlen, wo es am meisten weh tut, und sehen, was mir an den Fingen kleben bleibt“, schreibt Roberto Saviano, und genau das tut er in „Zero Zero Zero“, dem neuen Buch, mit dem er zeigen will: Kokain ist die Achse, um die sich die Welt wirklich dreht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der italienische Publizist nimmt seine Leser mit auf eine halb literarische, halb journalistische Höllenfahrt auf den Spuren des weißen Stoffes, mit dem sich, so Saviano, Geld machen lässt wie mit keinem anderen Produkt auf dieser Welt.

          Sie beginnt in Mexiko und endet an den internationalen Finanzmärkten; unterwegs verwandelt sich Materie in Kapital, und Menschenleben werden zerstört. Stromstöße, abgeschnittene Gliedmaßen, aufgebohrte Schädel, Säure - der Autor mutet seinen Lesern die Methoden der mexikanischen und kolumbianischen Kartelle und die der kalabrischen Mafia zu.

          Recherche unter Polizeischutz

          Er geht ins Detail, wenn Drogenkuriere Kokspäckchen hinunterwürgen, wenn es zum Tod durch Überdosis kommt, er nennt die Toten beim Namen und zeigt eigens für sein deutsches Publikum auf das Blut der 2007 in Duisburg erschossenen Italiener, Opfer eines Kriegs unter verfeindeten kalabrischen Clans der ’ndrangheta.

          Dazwischen führt Saviano zusammen, was er jahrelang über den weltweiten Kokainhandel gesammelt hat: Anbau, Inhaltsstoffe, Wirkung, Vertriebswege, die Rollen von Paten, Brokern, Logistikern und Dealern und sogar Hunden. Sein ununterbrochener Redefluss - denn nichts anderes ist dieses Buch - erzeugt eine chaotische Totalität. Sein Autor sagt: „Manchmal glaube ich, es ist eine Obsession. Manchmal sage ich mir, dass diese Geschichten die Wahrheit ans Licht bringen werden.“ Sie aufzuschreiben sei, wie es wohl sein müsse, auf Koks zu sein.

          Roberto Saviano: „Zero Zero Zero“. Wie Kokain die Welt beherrscht. Carl Hanser Verlag, München 2014. 480 S., 24,90€

          Vielen anderen würde man Pose unterstellen, nicht Roberto Saviano. Seit der 1979 in Neapel geborene Journalist vor sieben Jahren seinen Tatsachenroman „Gomorrha“ veröffentlichte, in dem er die Machenschaften der Camorra offenlegte, wird er von Mafiabossen mit dem Tod bedroht. Seitdem lebt er unter Polizeischutz, alle paar Tage wechselt er seinen Aufenthaltsort, tut keinen Schritt ohne Eskorte, keine Reise ohne langwierige Abstimmungen vorab. Welche Mühe es bereitet, unter diesen Umständen zu recherchieren, ist schwer vorstellbar.

          Körper als Leitmetapher

          Saviano veröffentlicht regelmäßig in „L’Espresso“ und „La Repubblica“, er hat Bücher geschrieben, die die Fährten von „Gomorrha“ weiterverfolgten. Seine Geschichte der Camorra wurde verfilmt, eine Fernsehserie soll folgen, der Autor trat für kurze Zeit sogar mit einer eigenen Show im Fernsehen auf, auch da ging es um die Mafia. Eine Lokalzeitung prozessiert gegen ihn, weil er sie in seinem Camorra-Buch nicht als Quelle kenntlich gemacht habe. Er wird als Held verehrt und angefeindet, weil er keine Ruhe gibt.

          Vor allem aber ist Saviano ein Gefangener. Einer, der ungewollt physisch einsteht für seine Worte und im Weiterschreiben seinen einzigen Ausweg sieht - auch wenn ihn das in ein „Ungeheuer“ verwandelt habe. Auch diese Verwandlung beschreibt er in diesem Buch. Es enthält viele autobiographische Passagen, und tatsächlich sind Recherche und Person, Geschichte und Autor in seinem Fall nicht zu trennen.

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