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Buch über Palermo : Keine Angst vor Müll, Chaos und der Mafia!

Das palermitanische Teatro Politeama Garibaldi entstand von 1867 bis 1874 nach Plänen von Giuseppe Damiani Almeyda. Bild: Picture-Alliance

Die Perfektion ist hier nicht zu Hause: Roberto Alajmos Antireiseführer über Palermo erscheint in einer überarbeiteten Ausgabe. Sie illustriert, dass sich vieles in Siziliens Hauptstadt zum Besseren verändert hat.

          2 Min.

          Dieses Buch ist ein moderner Klassiker der Reiseliteratur. Die deutsche Übersetzung, die 2007 unter dem absichtsvoll abwegigen Titel „Palermo sehen und sterben“ erschien, war schnell vergriffen und wurde antiquarisch zu abenteuerlichen Preisen gehandelt. Wer nach Palermo fährt, muss das Buch gelesen haben. Wer es gelesen hat, fährt nach Palermo.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Trick und auch der Charme des „Antireiseführers“ bestehen darin, dass der Autor den Leser als imaginären Besucher der Stadt anspricht, der sich in einem Hotel verschanzt und sich aus Angst vor dem, was er draußen erwartet – Mafia, Kriminalität, Müll, Chaos –, nicht vor die Tür traut. Seine Vorurteile zu zerstreuen wird gar nicht erst versucht, sondern es werden alle Verlockungen – Kunst und Architektur, Sinnes- und Gaumenfreuden – aufgeboten, damit er das Wagnis eingeht. Wie eine Zwiebel schält der Autor die Stadt, deren Name nur im Titel genannt wird, danach nicht mehr.

          „Die Stadt verändert sich, Bücher werden alt“, überschreibt Roberto Alajmo die Vorbemerkung zu der im Original als „remix“ bezeichneten Neufassung, mit der er auf den – auch für ihn – erstaunlichen Wandel Palermos reagiert, das sich „in vielerlei Hinsicht ... zum Besseren verändert“ hat. Was nicht heißt, dass nicht weiter „gerade das Unruhige und Ungelöste“ die Faszination der Stadt ausmachen: „Die Perfektion ist hier nicht zu Hause.“ Den kulturellen, aber auch wirtschaftlichen Aufschwung erklärt Alajmo vor allem mit der Rückkehr des ewigen Bürgermeisters Leoluca Orlando, dessen Charakter „vom quecksilbrigen, bipolaren und unbegreiflichen Charakter der Stadt“ abgepaust sei: Lebensqualität und Rechtsstaatlichkeit haben gewonnen, der Verfall wurde aufgehalten, Quartiere erneuert und Fußgängerzonen eingerichtet, die Mafia zwar nicht besiegt, aber zurückgedrängt.

          Roberto Alajmo: „Palermo ist eine Zwiebel“.
          Roberto Alajmo: „Palermo ist eine Zwiebel“. : Bild: Klaus Wagenbach Verlag

          Der Aufbau des Buchs wurde beibehalten, der Text ergänzt, aktualisiert und überarbeitet. Roberto Alajmo, 1959 in Palermo geboren, ist als Journalist, Schriftsteller und – von 2013 bis 2019 – Direktor des Teatro Biondo ein intimer Kenner seiner Stadt und zugleich auf kritischer Distanz zu ihr: Er erklärt den exzentrischen Totenkult und die theatralische Heiligenverehrung, erkundet Sehenswürdigkeiten und Problemviertel, durchstreift Parks und Gärten, weiß um die Existenzfrage „Bleiben oder gehen?“, schmeckt die Unterschiede zwischen öffentlicher und privater Küche ab, dechiffriert die Semantik der Blicke, bilanziert die Anpassungskosten der Aristokratie, geht dem Misstrauen gegenüber dem Meer nach und nimmt literarische Spuren auf. Die Antimafia wird allzu pauschal abgehakt, die Initiative „Addiopizzo“ (Tschüss Schutzgeld) nicht einmal erwähnt.

          Als Preis der Aktualisierung erweist sich das schnelle Verfallsdatum. So ist das neu aufgenommene Kapitel über den Skandalklub US Palermo bereits überholt: Finanzielle Unregelmäßigkeiten führten im Sommer 2019 zum Zwangsabstieg und zum Neustart in der Serie D. Alajmo verknüpft Cicerone und Pitaval, Geschichtensammlung und Mentalitätsdiagnose zum Porträt einer Stadt, welche die Uniformität der Moderne noch nicht entzaubert hat.

          Roberto Alajmo: „Palermo ist eine Zwiebel“.  Aus dem Italienischen von Karin Krieger und Moritz Rauchhaus. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2021. 176 S., br., 13,– €.

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