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Robert und Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? : Sind wir am Ende der Unersättlichkeit?

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Bild: Kunstmann Verlag

Wieso lassen sich die Menschen überhaupt noch auf den Hexensabbat des Kapitalismus ein? Der Ökonom Robert und der Philosoph Edward Skidelsky glauben, dass es damit nun eigentlich vorbei sein sollte.

          5 Min.

          Das „gute Leben“ hat Konjunktur: Downshifting lautet das Schlagwort. Und da trotz der anhaltenden Erschütterungen von Ökonomie, Ökologie und Politik eine „sozialistische Utopie“ nirgendwo zu sehen ist, kommt die Moral ins Spiel. Ein Mehr an „Ethik“ wird gefordert, denn die Lage der Welt sei so, dass man als vernünftiger Mensch sein Leben ändern müsse. Die Frage ist: wie und wozu? Die Antworten fallen unterschiedlich aus - Griechenland wird aktuell niemand ein Downshifting empfehlen wollen, da findet es bereits statt.

          Aber für die reicheren Staaten gilt: Weniger ist mehr. Das behaupten zumindest Robert und Edward Skidelsky, der eine Ökonomieprofesser und Keynes-Biograph, der andere Professor für praktische Philosophie. Vater und Sohn plädieren für Verzicht und Abkehr vom kapitalistischen Wachstum - und das mit einer zum Teil verblüffend altmodischen Begründung. Sie träumen keineswegs von einem neuen sozialistischen Experiment. Sie empfehlen vielmehr die Rückkehr zur alteuropäischen Kultur des Maßhaltens.

          Der Verzicht auf Wachstum ist der Gewinn

          Ein großer Teil des Buches besteht in der Rekonstruktion der alteuropäischen Traditionen der praktischen Philosophie, insbesondere in der Darlegung der aristotelischen und später thomistischen Vorstellungen von der notwendigen Beschränkung des wirtschaftlichen Verhaltens. Auch in der Gegenwart sehen sie vernünftige, maßvolle Konzepte, namentlich bei John Maynard Keynes, aber auch bei den Vertretern der deutschen „Sozialen Marktwirtschaft“.

          Das „gute Leben“ ist ein Leben außerhalb des Hamsterrades des modernen Kapitalismus. Den sehen sie zwiespältig. Er habe zu unserem Reichtum beigetragen, könne aber jetzt, wo wir genug haben, nicht aufhören. Schon die Vorstellung einer vollkommenen Bedürfnisbefriedigung sei eine Chimäre der Mainstream-Ökonomie. Den Wachstumswahn müsse man vielmehr stoppen, da die Menschen von ihm keine Vorteile mehr haben. Der Verzicht auf Wachstum sei insofern ein Gewinn. Wieso, fragen die Autoren, lassen sich die Menschen überhaupt noch auf den „Hexensabbat“ (Max Weber) des gegenwärtigen Kapitalismus ein?

          Anfeuerung der Unersättlichkeit

          Das Argument, um diesen eigentlich widersinnigen Zustand zu plausibilisieren, ist ein anthropologisches, religiöses und wirtschaftssoziologisches zugleich. Die Menschheit bekomme aus vielerlei Gründen den Hals niemals voll. Das Wissen um diese Unersättlichkeit habe die alte Welt dazu gebracht, ihr Grenzen zu setzen und die „Triebe“ des Menschen im Zweifel durch Verbot und Strafe zu sanktionieren. Muße war das Ideal. Dass die aristotelische Ethik Sklavenarbeit nicht nur hinnahm, sondern voraussetzte, bemerken beide eher am Rande. Ein ernsthaftes Gegenargument sei das nicht.

          Auch das frühe Christentum, später die Kirche, alle großen, global bedeutsamen Denktraditionen seien dem Ideal eines maßvollen Lebens gefolgt. Diese Begrenzungen nun hätten der Kapitalismus, insbesondere aber die (neo)liberale Wirtschaftsideologie und der politische Liberalismus gesprengt. Mit dem überaus verführerischen Versprechen, eine ungebremste Verfolgung der bislang als schädlich sanktionierten Triebe ermögliche zugleich Reichtum und ein funktionierendes Gemeinwesen, hätten sie Habgier und Maßlosigkeit freigesetzt und jede obrigkeitliche Begrenzung wirtschaftlicher Handlungsmöglichkeiten diskreditiert.

          Das Gegenteil sei allerdings eingetreten; die Entfesselung der bis dato als sündig geltenden Triebe habe keinen Zustand der Erfüllung gebracht, die unbestreitbaren wirtschaftlichen Erfolge hätten vielmehr die Unersättlichkeit nur angefeuert. Es sind dabei die Wirkungen des Wirtschafts- und des politischen Liberalismus, die die Skidelskys für fatal halten. Adam Smith, John Rawls, aber auch Herbert Marcuse sind in dieser Sicht die eigentlichen Täter, weil sie der Menschheit das süße Gift vollständiger Bedürfnisbefriedigung bei Auslebung ihrer Triebe eingeträufelt hätten.

          Ohne Zwang

          Worum es den Autoren geht: Überwindung der Irrlehren des Liberalismus und Rückkehr zu alteuropäischer Idealität, zu Selbstbescheidung und Maß. Es ist freilich keine vollständige Rückkehr, vielmehr ein Innehalten. Man kann ihr Plädoyer für einen erneuerten Aristotelismus so lesen: Erst in der heutigen Welt des materiellen Wohlstands seien die Voraussetzungen für ein „gutes Leben“ gegeben. Dass die Skidelskys die Annahmen der modernen Glückstheorien verwerfen, ist ebenso selbstverständlich, wie sie die moderne ökonomische Theorie der Bedürfnisse für eine Anleitung zum Unglücklichwerden halten, die zwangsläufig in die unabschließbare Dynamik des Veblenschen Statuskonsums führe.

          Auch der Wertrelativismus des politischen Liberalismus und die Vorstellung der Neutralität des Staates gegenüber den Lebensentwürfen der Menschen sind ihnen unbegreiflich. Selbstverständlich gibt es nach ihrer Auffassung objektive Grundsätze eines „guten Lebens“, die die Voraussetzung und Bedingung eines solchen bildeten und denen sich der Staat gegenüber keineswegs neutral verhalten dürfe, im Gegenteil. Bestimmte „Basisgüter“ müssten vorhanden sein: Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur und Freundschaft. Diese Basisgüter, die die Autoren eher allgemein erläutern, gelte es gegen den modernen Kapitalismus und seine Ideologien zurückzugewinnen und zu behaupten.

          Hierbei kommt dem Staat eine wesentliche Rolle zu, und zwar über die Verkürzung der Arbeitszeiten, die Beschränkung des Konsums durch Luxusgesetze und die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Angesichts des erreichten Wohlstands sei das finanzierbar, im Interesse von Menschheit und Umwelt wünschenswert, betonen die Autoren. Den letzten Schritt zum guten Leben, so liberal sind sie dann doch, müssten die Menschen allerdings selbst gehen, da Zwang nicht in Frage komme.

          Glaubenssache

          So sinnvoll individuelle Mäßigung sein mag, so naiv ist diese Annahme. Die kapitalistische Welt lebt ja nicht im Wohlstand, weil sie ihn als eine Art unverlierbares Niveau sicher hat, sondern weil sie ihn Jahr für Jahr neu produziert. Würden wir willkürlich damit aufhören, nähmen wir nicht nur am Strukturwandel nicht mehr teil, wir könnten von dem bis heute erarbeiteten Wohlstand nicht sehr lange leben. Bald wären die Märkte leer, die Häuser und Straßen zerfielen, die Technik veraltete, der technische Fortschritt bliebe aus. Zumindest das heutige Niveau also müsste jedes Jahr neu produziert werden, was ohne ein entsprechendes Hochhalten der Arbeitsproduktivität kaum möglich ist; zumindest ließe sich ohne eine entsprechende Leistungsfähigkeit das Grundeinkommen für alle kaum bezahlen. Auch die Skidelskys unterliegen entweder dem Trugschluss, man könnte aus der Wachstumsökonomie aussteigen und hätte davon nur Vorteile, oder der Illusion, wir seien so weit, dass die Roboter die Arbeit machen könnten.

          Aber Wirtschaft ist nicht irgendein Spiel, das man auf einem bestimmten Level einfach stoppen kann. Es ist eine ständige Auseinandersetzung mit durchaus unterschiedlichem Ausgang, der nicht immer so erfolgreich sein muss wie heute. Die ältere, von den Skidelskys ethisch beschworene Welt war vielleicht für die Oberschichten eine Idylle. In der Gegenwart ist die Lage der Masse der Menschen materiell besser, nicht trotz, sondern wegen des Verzichts auf Beschränkungen. Der Preis für den größeren materiellen Wohlstand ist härtere Arbeit, höhere Produktivität, Ausnutzung aller technischen Handlungschancen auch gegen Widerstände. Das ist zugegeben keine Idylle, aber Idyllen von der Wirtschaft zu erwarten ist auch nicht unbedingt klug.

          Das Buch bewirtschaftet zudem einen sich ausbreitenden antimodernen Affekt, der schon bei David Graeber unübersehbar war. Es spekuliert auf eine Art diesseitiger Erlösung, ermöglicht durch eine andere, menschlichere Organisation der Wirtschaft und ein wieder sozial eingehegtes Alltagsverhalten. In der Diesseitigkeit der Erlösungshoffnung ist das Buch nicht unbedingt katholisch, in der übrigen Argumentation schon, wie die Autoren nicht nur in zahlreichen Zwischenbemerkungen zeigen, sondern schließlich auch selbst einräumen: „Ob eine Gesellschaft, der jeglicher religiöser Impuls abhandengekommen ist, sich selbst dazu motivieren kann, das gemeinsame Wohl anzustreben? Wir glauben eher nicht.“

          Und in der Tat: Wenn nicht aus der Religion - woher nehmen sie dann die Gewissheit der Geltung ihrer „Basisgüter“? Man muss daran schon glauben - sich dann allerdings auch Fragen gefallen lassen, etwa nach der theoretischen und empirischen Stichhaltigkeit der Grundannahme von der Unersättlichkeit des Menschen. Das riecht geradezu nach Erbsünde. Erst so werden auch der Kapitalismus und die (wirtschafts)liberalen Irrlehren zu jenen diabolischen Kräften, die die Sündhaftigkeit des Menschen zugleich nutzen und steigern. Der modernen Wirtschaft den Teufel auszutreiben, den man ihr vorher eingeschrieben hat, das ist der Kern dieses Buches. Wer’s glaubt!

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