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Robert Menasses: Der europäische Landbote : Alles bestens in der Zentrale

  • -Aktualisiert am

Bild: Paul Zsolnay Verlag

Ehrenrettung einer oft verdammten Bürokratie und Ausblick auf ein postnationales Europa: Robert Menasse bietet politische Aufklärung in Reinform.

          Dieses schlanke Buch über den aufsteigenden europäischen Traum ist phönixgleich die Folge eines krachenden Scheiterns: Robert Menasse wollte einen Roman über Europa im Abendlicht schreiben, dessen Protagonist ein Beamter der Kommission sein sollte. Womöglich schwebte ihm ein Sittengemälde aus Anlass der Krise vor, ein bittersüßes Euroepos. Bislang wurde nichts aus der Sache, doch die Recherche hat den Autor auf so brisante Ideen gebracht, dass er sie in diesem Band versammeln musste. Menasse hegte zunächst die geläufigen Vorurteile und Klischees: Ein undemokratisches und bürokratisches Labyrinth seien Rat und Kommission, die Krise Europas vor allem und eigentlich eine Krise der Kultur in der europäischen Hauptstadt.

          Doch er fand ganz andere Menschen dort, eine ganz andere Stadt. Hier waren keine grauen Geheimniskrämer und keine parteipolitisch beförderten Hofschranzen wie in den allermeisten anderen Hauptstädten, sondern freundliche, auskunftsfreudige Zeitgenossen, die ihre Berufung einer harten Auswahl zu verdanken haben. Und nach einer ganzen Reihe solcher überraschenden Urteile kam ihm die Einsicht, dass alles anders sein könnte: Die Krise entsteht nicht am Schauplatz der Gipfel, sondern in den Staaten. Nicht die EU ist das Problem, sondern die vielen Nationalstaaten, die wie abgestorbene Bäume den Weg versperren.

          Menasse serviert pures Koffein

          Menasse redet keinem Brüsseler Superstaat das Wort, er ist auch ein Verfechter der regionalen Selbstverwaltung. Denn in der Region, die durch Landschaft, Geschichte, Dialekt und Bräuche definiert ist, fühlt sich der Bürger wirklich zu Hause, der Saarländer aber mitunter fremd in Hamburg. Die nationale Identität ist auch eine historisch reversible. Und das viel beklagte europäische Demokratiedefizit rührt auch nur daher, dass wir einen unangemessenen Begriff von Demokratie haben, dem noch die historisch gewachsene Verbindung von Nationalstaat und parlamentarischer Repräsentanz zugrunde liegt.

          Doch es lässt sich ja auch eine ganz neue Form der Demokratie denken, eine nachnational verfasste, in der die Entscheidungen regional getroffen werden oder eben europäisch. Kritisch ist aber in diesem Zusammenhang die Rolle der Medien zu bewerten, obwohl Menasse sie nur am Rande würdigt: Tatsächlich operieren nationale Medien und nationale Regierungen Hand in Hand. Würde man in den Fernsehanstalten der Einzelstaaten mal europäischer denken und sich trauen, Gäste aus Nachbarstaaten zu Wort kommen zu lassen, Europa würde gleich spannender.

          Man kann alles ganz anders denken, dann wird die Krise, dieses lähmende und wuchernde Symptom, zur Phase beim Durchschreiten eines Irrgartens. Menasse hat den Ausweg entdeckt. Und weil das sehr wichtig ist, schreibt er schnell und intensiv. Er überträgt dabei die Prinzipien der Molekularküche auf die Argumentation: Statt eines komplizierten Mischgetränks serviert er pures Koffein zur sofortigen Injektion. Der Autor will den Leser zur Aktion gewinnen und ihn also packend überzeugen: Europa ist ganz anders. Der Leser aber muss dazu erst einmal die Bereitschaft entwickeln, etwas über das vom Autor entdeckte Europa zu lernen, denn in all den Jahren haben sich doch erhebliche kognitive Widerstände gegen das Thema formiert.

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