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Macfarlanes „Berge im Kopf“ : Verschwunden in den Wolken

Das war für ihn bloß ein Spaziergang: George Mallory (links) und Fanny Bullock Workman auf dem Pokalde Gipfel in Nepal. Bild: AKG

Blicke von weit oben: Robert Macfarlane hat in seinem Buch manches zur Frage beizutragen, warum Menschen auf die Gipfel hoher Berge steigen.

          5 Min.

          Es war keine geringe Sensation, als am 1. Mai 1999 ein Team von Wissenschaftlern auf der tibetischen Seite des Mount Everest die Leiche des Bergsteigers George Mallory fand. Tweedjacke und Wickelgamaschen waren zerfetzt von Wind und Wetter, den Körper hingegen hatte die eisige Kälte gespenstisch konserviert, weiß und blank wie eine Marmorstatue, gerade so, als habe ihm der Berg sein eigenes Denkmal setzen wollen. „Ich habe die beste Aussicht, auf den Gipfel zu gelangen. Ich kann mir kaum vorstellen, nicht hinaufzukommen; unmöglich auch, mich in die Rolle des Besiegten zu fügen“, hatte Mallory 1924 kurz vor seinem dritten Gipfelversuch in nur vier Jahren geschrieben. Am 8. Juni wurde er zum letzten Mal gesehen, am Nordgrat in etwa 8250 Meter Höhe. Dann verschwanden er und sein Seilpartner Andrew Irvine in den Wolken.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Um kaum einen Bergsteiger hatte sich fortan ein größerer Mythos entwickelt als um George Mallory. Das hatte nicht nur mit dem gespenstischen Verschwinden zu tun und der Frage, ob die beiden es womöglich bis zum Gipfel geschafft hatten. Es lag auch an Mallorys Wesen und Auftreten, das sich nicht zuletzt in einem marketingtechnisch besonders brauchbaren Satz bündelte, einem der berühmtesten Zitate der Bergsteigerei. Auf die Frage eines Journalisten, weshalb er den Everest so unbedingt besteigen wolle, hatte er knapp geantwortet: „Weil er da ist.“

          Die Karriere der Berge

          Robert Macfarlane, Literaturwissenschaftler, Essayist, Kritiker, in England einer der angesehensten Naturschriftsteller unserer Zeit und selbst ein erfahrener Bergsteiger, widmet George Mallory nicht nur das vorletzte Kapitel seines Buchs „Berge im Kopf“ – genau genommen hat er ihm das gesamte Buch gewidmet, denn auch er stellt die Frage: „Wieso auf Gipfel steigen?“ Allerdings braucht er für die Antwort knapp dreihundert Seiten, holt freilich auch weit aus bis in eine Zeit, als man in der westlichen Welt vom Himalaja noch nichts wusste und von Bergen generell nichts wissen wollte, weil der Wert einer Landschaft nach den Möglichkeiten der Agrarwirtschaft bemessen wurde und man schneebedeckte Gipfel selbst in ästhetischer Hinsicht als abstoßend empfand.

          Robert Macfarlane: „Berge im Kopf“. Matthes & Seitz Verlag.
          Robert Macfarlane: „Berge im Kopf“. Matthes & Seitz Verlag. : Bild: Matthes & Seitz

          Genau genommen blickt Macfarlane sogar noch viel weiter zurück: nämlich in die Anfänge der Welt, als der Granit noch flüssig herumschwappte – wie er es formuliert. Zunächst einmal erhält bei Macfarlan deshalb die Wissenschaft der Geologie ihre Historie, bevor die Kultur und die Kunst, die Philosophie und der Sport die Berge erreichen. Und es war ihm letztlich auch viel weniger an einer Geschichte der Bergsteigerei gelegen als an einer Geschichte davon, wie sich die Einstellung der Menschen zu den Bergen verändert hat – von der Furcht über kitschige Programme in viktorianischen Unterhaltungshallen bis zur Bereitschaft, für einen Gipfel das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Keineswegs nur unter Grenzgängern verbreitet, wie sich die Extremabenteurer nennen, sondern auch unter Touristen, die am Berg Dampf ablassen wollen – dort allerdings häufig aus Dummheit.

          Britische Perspektive

          Für seine Untersuchung drang Macfarlane, der sonst in Englands Marschen, Wäldern und Höhlen unterwegs ist oder in der Einsamkeit des schottischen Hochlands, vor allem in die Tiefen von Bibliotheken vor, wo er sich ebenso durch die alten Handschriften von Abenteurern wühlte wie durch die Klassiker schöngeistiger Literatur oder die großen Theorien der Ästhetik. Religionseifer und -kritik finden in seinem Buch ebenso Platz wie die Mode, angesichts einer bedrohlichen Wildnis nach sublimen Momenten des Schauderns Ausschau zu halten oder zu Zeiten der Romantik ein Verlöbnis mit der Natur einzugehen.

          Als Brite sucht Robert Macfarlane seine Beispiele früher Naturverehrung vor allem zwischen den Highlands und dem Lake District und ruft immer wieder Landsleute in den Zeugenstand. Er beschäftigt sich mit Edmund Burke und John Ruskin, ohne Kant zu erwähnen. Und stützt sich bei Ausführungen zum Granit auf den Schotten James Hutton, ohne auf Goethe zu verweisen. Nach Alexander von Humboldt sucht man in seinem Buch vergebens. Nietzsche bleibt eine Fußnote. Als freilich die Briten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Alpen zu ihrem Abenteuerspielplatz erkoren und dort nach und nach jeden Gipfel erklommen, wird ihm vor allem die Schweiz zum Heimspiel. „Die Briten“, schreibt er an einer Stelle, „waren offenbar mehr als alle anderen Imperialmächte vom Verlangen beseelt, den ganzen Globus auszukundschaften.“

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