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Robert M. Neer: Napalm: An American Biography : Die Geburtsstunde des militärisch-technischen Komplexes

  • -Aktualisiert am

Bild: The Belknap Press of Harvard University Press

Wie aus einem Erfolg die Ikone des amerikanischen Scheiterns in Vietnam wurde: Der Rechtshistoriker Robert M. Neer erzählt die Geschichte der Brandwaffe Napalm.

          Manche Bilder stehen symbolisch für Marksteine der Geschichte, werden zu Ikonen. Eine der Ikonen des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt ein kleines vietnamesisches Mädchen, dessen nackter Körper von Brandwunden übersät und dessen Gesicht von der Agonie des Schmerzes verzerrt ist. Kim Phúc war kurz vor der Aufnahme am 8. Juni 1972 Opfer von „friendly fire“ geworden. Ein südvietnamesisches Militärflugzeug hatte über dem Haus, in das sie sich geflüchtet hatte, Napalmbomben abgeworfen, nicht weil sich dort feindliche Soldaten aufhielten, sondern weil es sich schlicht verflogen hatte. Das Foto von Kim Phúc ist eine ebenso klassische wie tragische Ikone des amerikanischen Scheiterns in Vietnam.

          Der Rechtshistoriker Robert M. Neer von der New Yorker Columbia University erzählt aber nicht allein die Geschichte des Napalmeinsatzes in Vietnam, sondern eine viel breitere „amerikanische Biographie“, wie es im Untertitel seines Buches heißt. Denn Napalm hatte eigentlich als typisch amerikanische Erfolgsgeschichte begonnen.

          1942 hatte ausgerechnet ein deutschstämmiger Chemiker der Universität Harvard eine Waffe entwickelt, die sich an älteren Vorbildern, etwa dem berühmt-berüchtigten „griechischen Feuer“ der Byzantiner oder deutschen Brandbomben aus dem Ersten Weltkrieg, orientierte, aber wesentlich effizienter war.

          Feuer, so Louis Fieser und seine Mitarbeiter, entfaltete nicht nur vernichtende und zerstörerische Wirkungen, sondern war zudem psychologisch wesentlich verheerender als beispielsweise Chemikalien oder Explosivbomben. Mit Napalm hatte das Team aus Harvard ein brennbares Gel entwickelt, das alles bis dahin Bekannte in den Schatten stellte.

          Die gnadenlose Effizienz von Napalm

          Naturgemäß war eine derartige Waffe nicht im Alleingang zu entwickeln. Gleichsam im Vorübergehen schildert Neer die Mechanismen, nach denen im Zweiten Weltkrieg und danach die Kooperation von Wissenschaft, Militär, Politik und Industrie, in diesem Fall Dupont und Dow Chemicals, funktionierte. Dies war die Geburtsstunde des seitdem vielkritisierten militärisch-industriellen Komplexes in den Vereinigten Staaten.

          Von 1944 an bewies Napalm dann seine gnadenlose Effizienz. Brandbombenangriffe auf Hamburg, vor allem aber Tokio und etwa zehn weitere japanische Großstädte, kosteten weitaus mehr Menschenleben als die beiden Atombomben vom August 1945. Japan wurde zum bevorzugten Ziel der Amerikaner, weil die dünnen Holzhäuser dort leichter brannten als die deutschen Steinbauten.

          Napalm in den Kolonialkriegen

          Manchmal nahmen die Planungen des amerikanischen Militärs bizarre, ja groteske Züge an. Unter ausdrücklicher Billigung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, arbeitete man an Plänen, Kamikazefledermäuse mit Napalmbehältern in japanische Häuser fliegen zu lassen, nur um dann festzustellen, dass die armen Tiere Befehlen partout nicht gehorchen wollten.

          Nach dem Ende des Weltkrieges blieb Napalm der Menschheit erhalten. In den Kolonialkriegen der fünfziger Jahre spielte es vielfach eine Rolle. Nun stellten auch Partisanen Flammenwerfer mit Napalm her. Die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien setzten es gleichfalls regelmäßig ein.

          Skandalöser Einsatz gegen Kinder

          Für viele amerikanische Soldaten in den Dschungeln und Reisfeldern Vietnams war es oft die letzte Chance, den Hinterhalten des Vietcong zu entkommen. Dennoch kippte die Stimmung in den sechziger Jahren allmählich: Französische und amerikanische Journalisten stellten seit 1962 die Zielgenauigkeit der Brandbomben in Frage.

          Zum Skandal aber wurde der Napalmeinsatz, als 1967 die linkskatholische Studentenzeitschrift „Ramparts“ und ausgerechnet das konservative Frauenmagazin „Ladies Home Journal“ Berichte über verbrannte und schwerstverletzte südvietnamesische Kinder veröffentlichten.

          Napalm als Sinnbild der amerikanischen Fehlpolitik

          Neben Martin Luther King und anderen bekannten Kriegsgegnern waren es vorrangig Hausfrauen aus dem amerikanischen Mittelwesten, die den Einsatz der grausamen Technologie aus ethischen Gründen und persönlicher Betroffenheit heraus ablehnten und sich aktiv gegen den Einsatz der Waffe engagierten. Aber das Militär hielt starrsinnig am Napalm fest.

          Daraufhin wurde es in Romanen, Filmen, Gedichten und Bildern der siebziger Jahre von Künstlern zum Synonym für die Fehler Amerikas in Vietnam stilisiert. Die Napalmbiographie erhielt einen irreparablen, gänzlich unamerikanischen Bruch. Aus der Erfolgsgeschichte wurde eine Geschichte des Grauens, der Menschenverachtung und der Niederlage.

          Abschaffung durch Obama

          Erst nach den Terroranschlägen von 2001 fanden sich wieder Stimmen, die dem gefährlichen Gel Positives abzugewinnen vermochten. Im Irak wurde es 2003 noch einmal eingesetzt, dann aber kam das Ende. 2008 schaffte Präsident Barack Obama, unter ausdrücklicher Billigung seiner beiden Vorgänger Bill Clinton und George W. Bush, das Napalmarsenal der Vereinigten Staaten ab, behielt sich aber den Wiedereinsatz vor.

          Robert M. Neer erzählt in drei Akten und einem Epilog eine packende, informative Geschichte, die immer wieder auch das moralische Urteil des Lesers herausfordert, ohne ihn indes zu bevormunden. Er ist kritisch, führt aber keinen Kreuzzug und hält sich mit Werturteilen zurück. Vor allem lässt er die Akteure, Soldaten und Opfer, Wissenschaftler und Politiker, Industrielle und Aktivisten, zu Wort kommen.

          Dies macht die Stärke seiner lesenswerten Darstellung aus, die unprätentiös, quellennah und ohne großen Theorieaufwand daherkommt. Kim Phúc übrigens lebt heute in Kanada. Sie konvertierte 1982 zum Christentum und vergab all jenen, die sie für ihr Leben gezeichnet hatten.

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