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Robert Harrison: Gärten : Der Denker ist immer der Gärtner

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Bild: Hanser

Ein verwunschener Gang durch die grünen Oasen der Kultur- und Geistesgeschichte: Robert Harrison fragt, was Gärten über das Menschsein aussagen.

          Garten und Dichtung stehen in enger Verbindung miteinander: Der Dichter wird häufig gesehen als Gärtner, der die Verse zurechtstutzt, der Garten - und seine Blumen und Früchte - fungieren als Gegenstand und Symbol von Dichtung wie etwa die Garten- und Parkgestaltung in Goethes „Wahlverwandtschaften“ (exemplarisch für die Gestaltung des Lebens) oder die Chiffre der blauen Blume der Romantik (für Sehnsucht, Liebe und Unendlichkeit). In der deutschen Literatur um die vorletzte Jahrhundertwende hatte der Gebrauch der Gartenmetaphorik fast inflationäre Züge angenommen: Der Garten diente als Gegenbild zur Neuzeitlichkeit, als Fluchtort vor der zunehmend technisierten Lebenswelt und als Reflexionsraum und Symbol für die abhanden gekommene Ruhe. Robert Musil attestierte in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ der Epoche um 1900 ein doppelgesichtiges Antlitz, in dem auf der einen Seite von „Schlossalleen, herbstlichen Gärten, gläsernen Weihern“ geträumt wurde, auf der anderen Seite aber von „Prärien, gewaltigen Horizonten, Schmiede- und Walzwerken“ und von der „Zertrümmerung der Gesellschaft“.

          Gärten als Gegenentwurf - nicht nur in der Neuzeit

          Der Romanist Robert Harrison legt in seinem Essay „Gärten“ den Schwerpunkt nicht auf deutschsprachige Klassiker, sondern jongliert zwischen den Zeiten und Nationalitäten mit epochalen Werken wie der Bibel, dem Gilgamesch-Epos, den Gartengeschichten Boccaccios oder Voltaires „Candide“ bis hin zu Karel Capeks „Das Jahr des Gärtners“. Die Souveränität im Umgang mit dieser Fülle, die weit über literarische Garten-Beispiele hinausgeht, macht die Untersuchung zu einem Gang durch die Gärten der Kultur- und Geistesgeschichte. Der Zusammenhang, der zwischen Titel und Untertitel wie selbstverständlich hergestellt wird, ist zunächst jedoch etwas befremdend. Einen „Versuch über das Wesen der Menschen“ könnte man mit allem Möglichen verbinden - aber mit dem Garten?

          Die Idee eines Rückzugsorts vor der Welt war offensichtlich kein Spezifikum der Neuzeit, sondern reicht, wenn auch unterschiedlich motiviert, zurück bis in die Antike: Schon Platon und Aristoteles, aber auch Epikur unterhielten ihre Schulen auf Gartengrundstücken in und um Athen, um dort, in der Abgeschiedenheit, ihre Schüler zu unterrichten. Die Exklusivität setzte sich fort in Klostergärten als Analogon der Glaubenspflege und diente der Repräsentanz religiöser, republikanischer oder königlicher Macht, wie Harrison am radikal „unterordnenden Charakter“ des Versailler Parks zeigt. Die Verwirklichung des Schlossgartens verdankte sich einer Todsünde, dem Hochmut. Hochmütig war der korrupte Finanzminister Nicolas Fouquet, der im Sommer 1661 mit der Enthüllung seines Barockgartens Vaux-le-Vicomte bei Paris König Ludwig XIV. derart brüskierte, dass dieser unverzüglich den Auftrag gab, einen noch viel großartigeren Park in Versailles anzulegen, der einzig der Verherrlichung und Vergöttlichung seiner Person diente. Der Minister kam ins Gefängnis.

          Gärten als Ausdruck menschlicher Schöpferkraft

          Hochmut ist aber nicht die ursprüngliche Triebfeder zum Gartenbau, vielmehr ist es die Sorge, die den Kern von Harrisons Studie bildet. Anders als Ratgeber nach Art von „Sorge dich nicht - lebe!“ nahelegen, besteht zwischen der Sorge und dem Leben kein Gegensatz, sondern vielmehr eine Bedingtheit: Der Wille zum Leben ist unauflöslich verknüpft mit der Sorge um ebendieses. Von Heidegger kommend, der die „Sorge“ auf „Besorgnis“ und zugleich auf „Fürsorge“ zurückgeführt hat, sieht Harrison den Ursprung dieses menschlichen Wesenszugs in der Vertreibung aus dem Paradies. Der Sündenfall war Ergebnis der emanzipatorischen Urhandlung: Der Griff nach der verbotenen Frucht führte nicht nur zum Verlust der Erkenntnis- und Sorglosigkeit, sondern auch zur Fruchtbarkeit und damit, so Harrison, zu einer „Ingangsetzung neuer Anfänge durch menschliches Handeln“ oder, wie Hannah Arendt es nannte, zur „Natalität“. Diese irdische Schöpferkraft des Menschen setzt bis heute Energien frei, die Kultur hervorbringen - und die ihrerseits selbst immer wieder Gegenstand der Kunst werden. So gesehen wäre alles in einem wunderbaren Kreislauf aufgehoben. Eine solche Deutung lässt aber außer Acht, dass die Motivation, nach dem Apfel zu greifen, nicht aus Sorge, sondern aus Naivität und Hochmut geschah.

          Odysseus' jahrelanger Aufenthalt auf der Insel Kalypsos ist ein weiteres Beispiel für Harrisons mitunter idealistische Lesart: Trotz paradieshafter Zustände auf der Garteninsel bleibt Odysseus' Sehnsucht nach der Welt über die Jahre bestehen, „in der die menschliche Sorge ihre Erfüllung findet“ (Harrison), also nach seiner Heimat Ithaka. Adorno hatte Odysseus auf Grund seines listenreichen Aufbegehrens gegen das Schicksal als ersten modernen Menschen bezeichnet. Für Harrison ist der Irrfahrer als ein von Sorge Getragener der „Archetyp des sterblichen Menschen“. Der Autor hält dafür: Lebe in richtig verstandener Sorge! Sein vorsichtiger „Versuch“, das menschliche Wesen über dessen Gartenbeziehungen zu ergründen, birgt eine Kritik der praktischen Vernunft.

          Gärten vereinen Ekstase und Ruhe

          Diese kritische Einsicht verdankt sich der Literatur: Anhand von Ariosts „Rasendem Roland“ und Dantes Schilderungen des Paradieses in der „Göttlichen Komödie“ führt Harrison vor, wie das christliche Abendland - anders als die muslimische Welt, der er ein eigenes Kapitel widmet - von einem spirituell rastlosen Wunsch nach permanenter „Selbstüberschreitung und Selbstüberwindung“ getrieben ist. Statt an der Spitze des Läuterungsbergs im Garten Eden zur Ruhe zu kommen, bricht Dantes Pilger nach wenigen Stunden wieder auf in Richtung Paradies. In der taumelnd-glühenden, dramatischen Schilderung des Paradiso schließlich offenbart sich sein Wunsch nach dauerhafter Ekstase anstatt nach Ruhe und Mäßigung.

          Gärten sind ideale Fluchtpunkte vor der Hektik, Refugien vor dem Alltag und Horte der Rekonvaleszenz - aber nur dann, wenn die Sorge dessen, der den Garten aufsucht, aktiviert wird. Ansonsten drohen, wie bei Ariost wunderbar vorskizziert, Langeweile, Überdruss und Zerstörungswut. Harrisons Buch beschränkt sich nicht darauf, eine ökologische Sollensethik zu entwerfen, sondern es zeigt, dass die schöpferischen und zerstörerischen Anlagen des Menschen denselben Ursprung haben - oder, wie Musil dies für die Epoche um 1900 aussprach, „einen gemeinsamen Atem“. Darüber nachzudenken, wie man diese scheinbar gegensätzlichen Kräfte allgemein-, sozial- und umweltverträglich annäherungsweise in Einklang bringen könnte, ist einer der vielen Anstöße, die dieses bemerkenswerte Buch gibt.

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