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Robert Harrison: Gärten : Der Denker ist immer der Gärtner

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Bild: Hanser

Ein verwunschener Gang durch die grünen Oasen der Kultur- und Geistesgeschichte: Robert Harrison fragt, was Gärten über das Menschsein aussagen.

          4 Min.

          Garten und Dichtung stehen in enger Verbindung miteinander: Der Dichter wird häufig gesehen als Gärtner, der die Verse zurechtstutzt, der Garten - und seine Blumen und Früchte - fungieren als Gegenstand und Symbol von Dichtung wie etwa die Garten- und Parkgestaltung in Goethes „Wahlverwandtschaften“ (exemplarisch für die Gestaltung des Lebens) oder die Chiffre der blauen Blume der Romantik (für Sehnsucht, Liebe und Unendlichkeit). In der deutschen Literatur um die vorletzte Jahrhundertwende hatte der Gebrauch der Gartenmetaphorik fast inflationäre Züge angenommen: Der Garten diente als Gegenbild zur Neuzeitlichkeit, als Fluchtort vor der zunehmend technisierten Lebenswelt und als Reflexionsraum und Symbol für die abhanden gekommene Ruhe. Robert Musil attestierte in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ der Epoche um 1900 ein doppelgesichtiges Antlitz, in dem auf der einen Seite von „Schlossalleen, herbstlichen Gärten, gläsernen Weihern“ geträumt wurde, auf der anderen Seite aber von „Prärien, gewaltigen Horizonten, Schmiede- und Walzwerken“ und von der „Zertrümmerung der Gesellschaft“.

          Gärten als Gegenentwurf - nicht nur in der Neuzeit

          Der Romanist Robert Harrison legt in seinem Essay „Gärten“ den Schwerpunkt nicht auf deutschsprachige Klassiker, sondern jongliert zwischen den Zeiten und Nationalitäten mit epochalen Werken wie der Bibel, dem Gilgamesch-Epos, den Gartengeschichten Boccaccios oder Voltaires „Candide“ bis hin zu Karel Capeks „Das Jahr des Gärtners“. Die Souveränität im Umgang mit dieser Fülle, die weit über literarische Garten-Beispiele hinausgeht, macht die Untersuchung zu einem Gang durch die Gärten der Kultur- und Geistesgeschichte. Der Zusammenhang, der zwischen Titel und Untertitel wie selbstverständlich hergestellt wird, ist zunächst jedoch etwas befremdend. Einen „Versuch über das Wesen der Menschen“ könnte man mit allem Möglichen verbinden - aber mit dem Garten?

          Die Idee eines Rückzugsorts vor der Welt war offensichtlich kein Spezifikum der Neuzeit, sondern reicht, wenn auch unterschiedlich motiviert, zurück bis in die Antike: Schon Platon und Aristoteles, aber auch Epikur unterhielten ihre Schulen auf Gartengrundstücken in und um Athen, um dort, in der Abgeschiedenheit, ihre Schüler zu unterrichten. Die Exklusivität setzte sich fort in Klostergärten als Analogon der Glaubenspflege und diente der Repräsentanz religiöser, republikanischer oder königlicher Macht, wie Harrison am radikal „unterordnenden Charakter“ des Versailler Parks zeigt. Die Verwirklichung des Schlossgartens verdankte sich einer Todsünde, dem Hochmut. Hochmütig war der korrupte Finanzminister Nicolas Fouquet, der im Sommer 1661 mit der Enthüllung seines Barockgartens Vaux-le-Vicomte bei Paris König Ludwig XIV. derart brüskierte, dass dieser unverzüglich den Auftrag gab, einen noch viel großartigeren Park in Versailles anzulegen, der einzig der Verherrlichung und Vergöttlichung seiner Person diente. Der Minister kam ins Gefängnis.

          Gärten als Ausdruck menschlicher Schöpferkraft

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