https://www.faz.net/-gr3-9nwfu

Die Kunst der Biographie : Den Fakten die Ehre erweisen

Präsident John F. Kennedy (l.) mit seinem Vize Lyndon Johnson im Garten des Weißen Hauses, August 1962 Bild: AP

Die graue Routine des Parlaments in ein Shakespeare-Drama verwandeln: Robert A. Caro, der große Biograph Amerikas, gewährt Einblick in seine Werkstatt.

          Dieses Buch muss für fünf fette Bände einstehen, die Meisterwerke des biographischen Schreibens sind, aber nie ins Deutsche übersetzt wurden, und zwar mutmaßlich aus zwei Gründen: Sie sind zu umfangreich, und sie beschäftigen sich ausschließlich mit amerikanischen Themen. Allerdings, beide Begründungen erscheinen nicht recht plausibel, denn wann hätten Spezifika der politischen Kultur Amerikas deutsche Verleger je daran gehindert, ein Wagnis einzugehen? So oder so, deutsche Verlage ignorieren das Werk des heute dreiundachtzigjährigen amerikanischen Schriftstellers, Journalisten und Biographen Robert A. Caro seit mehr als vierzig Jahren.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wir haben zum Beispiel nicht zur Kenntnis genommen, dass schon die erste Biographie über einen legendären Stadtplaner und Strippenzieher („The Power Broker: Robert Moses and the Fall of New York“, 1974) mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde und in den Vereinigten Staaten zu einem vielfach nachgedruckten Klassiker der Stadtsoziologie wurde. Wir haben ebenso wenig mitbekommen, wie Caros Lebenswerk „The Years of Lyndon B. Johnson“ mit seinen bislang vier Bänden – „The Path to Power“ (1982), „Means of Ascent“ (1990), „Master of the Senate“ (2002) und „The Passage of Power“ (2012) – zu einer der beeindruckendsten Geschichtserzählungen unserer Zeit avancierte.

          Ein halbes Jahrhundert der Vereinigten Staaten, geschildert aus der Perspektive des 36. Präsidenten (1908 bis 1973), der nur durch Kennedys Ermordung ins Amt kam und dessen Leistung für Bürgerrechte und Sozialgesetzgebung noch immer von seiner unglücklichen Vietnam-Politik überschattet wird. Geschätzter Umfang einer deutschen Gesamtausgabe, den abschließenden fünften Band nicht eingerechnet: mehr als fünftausend Seiten. Wir haben Robert Caro weder als brillanten Journalisten noch als Schriftsteller und Historiker anerkannt – nicht einen einzigen Preis, keinen Ehrendoktor, nicht einmal eine bescheidene Würdigung durch ein deutsches Amerika-Institut hat es gegeben.

          Detektivarbeit nach der Maigret-Methode

          „Working“ nennt sich Caros jetzt im Original erschienener Werkstattbericht. Es ist das erste schmale Buch seiner Karriere, eine Sammlung von pointierten Essays und autobiographischen Skizzen, und der Titel ist ebenso schlicht wie fundamental: Denn die Arbeit, wie Caro sie versteht, besteht laut Untertitel aus „Researching, Interviewing, Writing“. Bei den ersten beiden Themen liegen die Schwierigkeiten politischer Biographien auf der Hand: Zeitzeugen wollen nicht immer reden. Oft sind sie jemandem verpflichtet und können es sich nicht leisten, peinliche Zusammenhänge auszuplaudern. Wie also kommt man an Informationen heran, die andere um jeden Preis verbergen wollen?

          Weitere Themen

          Als wir träumten

          Arte-Doku zur Mondlandung : Als wir träumten

          Ein kleiner Schritt für den Menschen, und dann? Zum fünfzigsten Jahrestag der Mondlandung legt Robert Stone bei Arte die ultimative Dokumentation dazu vor. Es wird keine bessere mehr geben.

          Topmeldungen

          Missbrauchsfall Lügde : Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt

          Der Mann soll nicht direkt an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein, sondern per Webcam zugeschaltet. Ein Gutachter hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Die Vorsitzende Richterin nannte die Taten „schäbig und menschenverachtend“.

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.