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André Brétons „Nadja“ : Eine Wette auf das Wunderbare

Es brauchte also mitunter kunstdetektivische Arbeit, um einen Überblick über die mittlerweile bekannten Zeugnisse Léona Delcourts zu bekommen. Rita Bischof ging darüber hinaus und hat deren Briefe an Breton und die Zeichungen in einem Band versammelt und mit einem Abriss ihrer Lebensgeschichte ergänzt. Aber nicht nur das, denn diese Dokumentation füllt nur ein Drittel ihres Buches, vorangestellt ist ihr eine exzellente Studie über Bretons „Nadja“: über das Entstehen und den Aufbaus des Textes, über die Rolle von Leóna alias Nadja und über Bretons Programm, die Beschreibung einer ihn tief bewegenden Episode seines Lebens zu geben, damit – so schrieb er rückblickend in „L’amour fou“ – die „unverhüllte, bestürzende Irrationalität gewisser Vorkommnisse zutage“ trete.

Die Poetik des Wunderbaren

Eine Irrationalität, an der zugleich die Hoffnung hängt, in bloß zufällig scheinenden Erlebnissen und Koinzidenzen ein Geflecht von Bedeutungen zu erkennen, die dem Autor eine Licht aufstecken. Und ihn in seiner Wette darauf bestärken, dass das erlebende Subjekt und die Welt, in der es sich bewegt, enger miteinander verwoben sein könnten, als es gemeinhin eingeräumt wird. Gewettet wird auf eine „Erleuchtung“, aber eine, die der protokollierende und analysierende Text – nach dem „Muster der ärztlichen Beobachtung“, wie Breton einmal schreibt – nachvollziehbar machen soll. Gelingen kann sie eben nur, wenn an den Ereignissen und Dokumenten und auch an den persönlichen Umständen und Empfindungen des als Testperson auftretenden Autors nichts gefälscht wird. Schon gar nicht, um einer poetischen oder gar romanhaften Wirkung willen.

Rita Bischof entwickelt diese Poetik des surrealistischen Wunderbaren; und wenn auch „Nadja“ dabei im Mittelpunkt steht, vergisst sie doch nicht, die Ausgestaltung dieser Poetik in späteren Texten, vor allem in den „Kommunizierenden Röhren“, in den Blick zu fassen. Es ist eine erhellende und elegant geschriebene Studie geworden. Léona Delcourts Anteil an „Nadja“ wird in ihr nicht gegen Breton verwendet. So einfach verhalten sich Leben und Kunst nun einmal nicht zueinander, zumal nicht in diesem Buch. Nadja ist zwar Bretons Gestalt, so resümiert es Bischof, aber das Faszinierende und Unheimlich an dessen Buch rühre gerade daher, dass dieser „Stoff“ auch für die Leser erkennbar widerständig bleibt.

Breton hat Léona Delcourt nach ihrer Einweisung in die Psychiatrie nicht besucht. Was sie dort erwartete, wusste er schon. In seiner Kritik an der Psychiatrie, an ihrer Selbstherrlichkeit wie an ihren Methoden, verfuhr der ehemalige Medizinstudent entschieden. Nicht ganz ohne Wirkung: Rita Bischof zitiert einen Beitrag in den Annalen der Medizinisch-Psychologischen Gesellschaft von 1929, deren Autor sich über ein gefährliches Buch erregt, das ihm ein Querulant unter seinen Kranken in ironischem Ton zur Lektüre empfohlen habe. Es war „Nadja“ - und die Empörung ein Ehrenpunkt für dieses Buch.

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