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: Rings um Busch ist ein Gedrängel

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Aus einer Zeit vor wenigen Monaten, als der hessische Landtagswahlkampf noch bestimmt war vom Thema Bildung, stammt ein Wahlplakat der Grünen, das unter der Parole "Die neue Schule" den Lehrer Lämpel aus Wilhelm Buschs "Max und Moritz" zeigt - aber mit den geschickt in Holzstich-Ästhetik hineinmontierten Gesichtszügen von Roland Koch.

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          Aus einer Zeit vor wenigen Monaten, als der hessische Landtagswahlkampf noch bestimmt war vom Thema Bildung, stammt ein Wahlplakat der Grünen, das unter der Parole "Die neue Schule" den Lehrer Lämpel aus Wilhelm Buschs "Max und Moritz" zeigt - aber mit den geschickt in Holzstich-Ästhetik hineinmontierten Gesichtszügen von Roland Koch. Eine Erklärung braucht das Plakat gar nicht: Jedem Betrachter ist klar, dass erstens über Koch gespottet werden soll und er zweitens aus Sicht der Grünen für ein veraltetes Bildungsideal steht. Denn die Figuren von Wilhelm Busch sind auch hundertdreiundvierzig Jahre nach deren erstem Auftritt und genau hundert Jahre nach dem Tod des Zeichners (F.A.Z. vom 9. Januar) so präsent, dass einem die Zeilen dazu sofort einfallen: "Also lautet ein Beschluß: / Daß der Mensch was lernen muß. / ... / Daß dies mit Verstand geschah / War Herr Lehrer Lämpel da. / Max und Moritz, diese beiden, / Mochten ihn darum nicht leiden."

          Verblüffend, dass dieses Plakat funktioniert. Denn Wilhelm Busch hat Max und Moritz ja keineswegs als Ideale gezeichnet und bedichtet, sondern als rechte Lausbuben, die am Ende eine Strafe erfahren, die gewiss auch Roland Koch als weitaus zu radikal erschiene. Lehrer Lämpel ist in der Bildergeschichte ein aufrechter Pädagoge mit den besten Absichten, dem übel mitgespielt wird. Und dennoch: Er gilt als Zerrbild des Lehrerstands. Das verdankt sich einmal Buschs unfassbarem Talent als karikierender Zeichner, der in Lämpel, welcher als Licht der Aufklärung sogar einen sprechenden Namen trägt, das grandiose Zerrbild eines unausgesprochen selbstherrlichen Schulmeisters schuf - spinnenfingrig, nickelbebrillt, schmaläugig -, und zum anderen der Sympathie, die die Lausbuben seit ihrem Debüt bei den Lesern genießen. Man mag es wenden, wie man will: Wir stehen immer auf der Seite von Max und Moritz.

          Damit ist die spezifische Leistung von Buschs Bildergeschichten angesprochen: Sie stürzen uns in einen moralischen Zwiespalt, der aber gar nicht explizit aufgelöst werden muss, weil wir über das Erzählte lachen können. Lachen bedeutet immer einen Triumph, und wen interessierte schon noch, welche Schlachten im Gemüt zuvor geschlagen werden mussten? Nun, einige gibt es allerdings, die das interessiert. Es sind die Interpreten von Wilhelm Busch, diejenigen also, die sich auf die Ausdruckskraft seiner Reime einen Reim und von der Wirkungsmächtigkeit seiner Bilder ein Bild machen müssen.

          In den nicht einmal neun Monaten zwischen dem 175. Geburtstag am 15. April 2007 und dem hundertsten Todestag am 9. Januar 2008 sind gleich mehrere Studien über Busch neu oder überarbeitet erschienen. Selbstverständlich lockt die natürliche Überlegenheit des Dezimalsystems, die gleich zweifach Grund zum Erinnern bescherte; aber diese Bücher sind auch die ersten, die auf die Ergebnisse der 2002 abgeschlossenen historisch-kritischen Werkausgabe zurückgreifen können. Besonders in deren gleichfalls vor wenigen Monaten neu aufgelegtem dreibändigen Teil, der sich Buschs Bildergeschichten widmet (F.A.Z. vom 28. Juli 2007), hat Bearbeiter Hans Ries eine solche Fülle an Material zusammengetragen, dass man aus den Essays und Digressionen des Kommentars unschwer eine Biographie zusammenstellen könnte, die jedes konkurrierende Werk an Umfang und Informationsdichte überträfe - aber, und dies ist der Zug der Zeit, nicht zugleich an Lesbarkeit.

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