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: Rings um Busch ist ein Gedrängel

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Das Überraschende nun ist, dass Frau Schurys Buch trotzdem das deutlich bessere ist. Es ist erst einmal viel flüssiger geschrieben, nämlich mit erkennbarem Spaß an der Sache und etlichen klugen Interpretationen zu Einzelwerken, während sich Frau Weissweiler mit ihrem ach so unerquicklichen Gegenstand bisweilen selbst quält und kaum einmal eine erhellende Bemerkung zu einem der Werke macht. Ausgerechnet über "Max und Moritz" etwa erfahren wir, dass dem Buch zunächst kein großer Erfolg beim Publikum beschieden war. Das stimmt - aber nur für zwei Jahre. Mehr dazu ist aber nicht zu lesen. Dafür gibt es einen Exkurs über die Hexenverbrennungen in Buschs Heimatdorf Wiedensahl. Dass deren letzte 1660 durchgeführt wurde, also 172 Jahre vor Buschs Geburt, muss man bei Gudrun Schury nachlesen. Eva Weissweiler dagegen beschließt ihre entsprechende Abschweifung mit dem Satz: "Die letzte Hinrichtung hatte 1832 - das Geburtsjahr Wilhelm Buschs - stattgefunden." Gemeint ist damit jedoch die letzte Hinrichtung eines Verurteilten im Königreich Hannover, gesagt wird das leider nicht.

Geht Frau Weissweiler schön brav chronologisch vor, hat sich Frau Schury das Prinzip von Modest Mussorgskys Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" zum Vorbild genommen: Bei ihr wechseln "Passagen" (im Präteritum erzählte Rückblicke aufs Leben) mit "Bildern" ab, die als biographische Schwerpunkte im Präsens geschrieben sind. So kommt noch mehr Leben in den Text, und die Qualität der Abbildungen ist bei Gudrun Schury auch höher als im Buch von Eva Weissweiler.

Beide haben aber noch eine weitere Konkurrenz: die schon vor dreißig Jahren erschienene Wilhelm-Busch-Studie des Tübinger Literaturwissenschaftlers Gert Ueding, die nun überarbeitet neu aufgelegt worden ist. Bei Erscheinen provozierte sie mit ihrer psychoanalytischen Deutung viel Widerspruch, deren Nachwirkungen bis in die Kommentare von Hans Ries in der Busch-Gesamtausgabe zu finden sind. Für Weissweiler und Schury ist Ueding keine bestimmende Bezugsgröße mehr; das rächt sich, denn in seinem Buch wird Busch wohlbegründet zum exemplarischen Künstler des neunzehnten Jahrhunderts erklärt - und diese Interpretation ist auch heute noch die radikalste, weil sie in Busch einen "Optimisten für die Zukunft" erkennt. Biographisch ist bei Ueding nicht so viel zu holen, dafür aber kunstgeschichtlich und literarisch. Und das ist bei Wilhelm Busch immer noch die Hauptsache.

ANDREAS PLATTHAUS

Gudrun Schury: "Ich wollt, ich wär ein Eskimo". Das Leben des Wilhelm Busch. Aufbau Verlag, Berlin 2007. 412 S., 16 Tafeln, Abb., geb., 24,95 [Euro].

Eva Weissweiler: "Wilhelm Busch - Der lachende Pessimist". Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 381 S., Abb., geb., 19,90 [Euro].

Gert Ueding: "Wilhelm Busch". Das 19. Jahrhundert en miniature. Erweiterte und revidierte Neuausgabe. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007. 429 S., Abb., geb., 26,80 [Euro].

"Wilhelm Busch für Boshafte". Ausgewählt von Thomas Kluge. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007. 138 S., br., 6,- [Euro].

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