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: Rings um Busch ist ein Gedrängel

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Deshalb ist es hocherfreulich, dass gleich zwei ganz neue Biographien zu Wilhelm Busch erschienen sind, zudem beide von Frauen geschrieben, während die Busch-Forschung bislang eine Domäne der Männerwelt war. Unterschiedlicher indes hätten die Biographien im Tenor nicht ausfallen können: Die Musikwissenschaftlerin und Germanistin Eva Weissweiler führt uns den dunklen Busch vor, einen, den auch Thomas Kluge im Nachwort zu seiner Textauswahl "Wilhelm Busch für Boshafte" im Blick hat, wenn er bei dem Dichter "durchgängig Inszenierungen von Boshaftigkeit" feststellt. Eva Weissweiler nennt ihn einen "lachenden Pessimisten", dessen Gelächter aber nur eines der Schadenfreude und des Hohns ist. Als Leitmotiv von Buschs Schaffen hält sie fest: "Der Mensch ist im Kern seines Wesens vielleicht nicht durchweg schlecht. Aber er ist unerziehbar und bleibt immer das Wesen, als das er geboren wurde."

Jeder auch nur oberflächliche Kenner von Buschs Werk weiß, dass diese Einschätzung durch Hunderte von Bemerkungen und Verse gedeckt ist. Eine, die Kluge ausgewählt hat, möge genügen: "Man ist ja von Natur kein Engel, / Vielmehr ein Welt- und Menschenkind. / Und ringsumher ist ein Gedrängel / Von solchen, die dasselbe sind." Deshalb würde die Literaturwissenschaftlerin Gudrun Schury als zweite aktuelle Busch-Biographin der Kollegin und Konkurrentin Weissweiler hier nicht widersprechen, doch ihr Buch stellt dennoch einen ganz anderen Künstler vor: den lichten Busch. Ist der Dichter und Zeichner bei Frau Weissweiler ein Misanthrop (und speziell ein misogyner), der seiner Familie, bei der er sich in den letzten dreißig Jahren seines Lebens einnistete, das Leben ebenso vergällt hat wie all den Freunden, die er sich vom Leibe hielt, und den Frauen, die er verachtete (Liebe habe er nur im Bordell gesucht), so ist Wilhelm Busch in Frau Schurys Augen ein liebenswürdiger Familienmensch, der seinen Neffen und Großneffen gegenüber wie ein gütiger Großvater auftrat, seinen Freunden als treue Seele und den Frauen als ein Charmeur. Was stimmt denn nun?

Das ist Auslegungs- und nicht zuletzt Geschmackssache. Geschmack deshalb, weil man sich eben entscheiden muss, ob man etwa Buschs Freundschaft zu dem Dirigenten Hermann Levi als Zeichen dafür deuten will, dass der Künstler generell kein Antisemit (so Gudrun Schury) oder nur in diesem Fall frei von Antisemitismus (so Eva Weissweiler) war. Wobei Weissweilers Buch immer zunächst nach dem Schlimmsten sucht und, wo es eben geht, eine kritische Position einnimmt, während Schurys Biographie eher dazu neigt, heikle Fragen mit einem eleganten Federstrich beiseitezuschieben.

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