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Richard Wilkinson und Kate Pickett: Gleichheit ist Glück : Es schwankt das Fundament des Glücks

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Aber von all diesen Überlegungen lässt sich der common sense nicht sonderlich irritieren. Er ist davon überzeugt, dass zwischen der Gerechtigkeit, der Gleichheit und dem Glück ein Zusammenhang besteht, dass eine Gesellschaft bekömmlicher ist, wenn in ihr Gleichheit herrscht und sie darum auch als gerecht, zumindest als gerechter bezeichnet werden kann. Und diese common-sense-Überzeugung erfährt durch Richard Wilkinson und Kate Pickett starke Rückendeckung.

Gleichheit senkt Kosten

Denn die beiden Autoren sind Datensammler, die in den letzten Jahren die Statistiken der Industriegesellschaften durchforstet haben, auf der Suche nach Korrelationen zwischen Einkommensverteilungsmustern und dem Ausmaß sozialer und gesundheitlicher Probleme. Und ihr Befund ist einleuchtend: Ein Gleichheitszuwachs kommt der Gesamtgesellschaft zugute, er vermindert die Kosten der durch Armut erzeugten sozialen und gesundheitlichen Probleme.

Diese Probleme – soziale Desintegration, psychische Erkrankungen, gesundheitliche Mängel und sinkende Lebenserwartung, wachsende Unbildung, Anstieg von Gewalt und Drogenkonsum, Überbelegung der Gefängnisse, mangelnde soziale Mobilität, fehlende Möglichkeit sozialen Aufstiegs, Zukunftsverlust und lebensethische Apathie – sind soziale Krankheitsherde; sie liefern die Kriterien, mit denen die Autoren die Bekömmlichkeit und Unbekömmlichkeit von Gesellschaften messen. Und sie sind allesamt, dies die diagnostische These, Auswirkungen der Ungleichheit, können also durch angemessene Umverteilungsmaßnahmen, durch Anheben des Durchschnittseinkommens erfolgreich bekämpft werden.

Wasserwaagenmessungen

Obwohl das Buch auf Halden von Daten beruht, ist es nicht mit Zahlenreihen angefüllt. Die Autoren haben sich auf übersichtliche Diagramme beschränkt, in denen ihre Wasserwaagenmessungen der Abhängigkeit zwischen Einkommensungleichheit und dem Ausmaß verschiedener sozialer und gesundheitlicher Problemfelder anschaulich dargestellt wird. Und der Text besteht im Wesentlichen aus der Interpretation dieser Diagramme, die leicht verständlich und erfreulich unaufgeregt vorgetragen wird.

Ärgerlich ist nur der deutsche Titel, der offensichtlich vermutete egalitaristische Instinkte der deutschen Sozialstaatsmentalität bedienen möchte. Wörtlich übersetzt lautet der Originaltitel: „Wasserwaage. Warum gleichere Gesellschaften fast immer besser dran sind“. Diese Formulierung ist weitaus zurückhaltender und vermeidet die Großworte des Glücks und der Gerechtigkeit, von denen auch im Text nicht die Rede ist. Ein Bezug zum Glück besteht hier nur insofern, als ein soziales Umfeld, das nicht mit den genannten Problemen belastet ist, den einzelnen Individuen im Durchschnitt eine günstigere Lebensentwicklung ermöglicht.

Freundliche Mahnung

Aber nicht nur das Glück ist hier auf das Niveau allgemein vorzugswürdiger gesellschaftlicher Zustände reduziert, auch die Rede von der Gleichheit bleibt zurückhaltend. Das Buch kann sich mit einer generellen Bekräftigung des welfaristischen Status quo der marktwirtschaftlichen Demokratien begnügen und es bei einer freundlichen Mahnung an die Politiker des Westens belassen, in den egalitaristischen Anstrengungen nicht nachzulassen und in harten Zeiten nur ja nicht nach Vorwänden für eine Minderung des Gleichheitsniveaus zu suchen.

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