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Griechischer Unabhängigkeitskrieg : Es begann als Kampf von Orthodoxen gegen Muslime

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Auf dem Weg zum anklagenden romantischen Historienbild: Studie von Eugène Delacroix für sein Bild „Griechenlands Untergang auf den Trümmern von Missolunghi", 1826. Bild: Picture Alliance / Sotheby's / akg

Die Antike stand ihnen gut: Richard Schuberth schildert den griechischen Aufstand gegen die Osmanen vor zweihundert Jahren als Tragikomödie.

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          Was für ein Thema, der griechische Aufstand vom März 1821 gegen die osmanische Herrschaft! Der erste europäische Staat, der seine Unabhängigkeit von einem Imperium erkämpft. Die erste Guerillabewegung der Neuzeit, der es gelingt, eine humanitäre Intervention der Großmächte zu erzwingen. Ein Aufstand, der maßgeblich von einer einflussreichen Diaspora mit eigener Geheimorganisation vorbereitet wird. Ein Staats- und Nationsaufbau, der unter Aufsicht der Großmächte von einer ausländischen Dynastie – den bayerischen Wittelsbachern – betrieben wird. Ein Freiheitskrieg, der ganz Europa medial bewegt und mit dem sich im Zeitalter der Restauration liberal und demokratisch gesinnte Europäer, die „Philhellenen“, solidarisieren.

          Viele der Missverständnisse und Vorurteile, die jüngst Griechenland und Deutschland in der Euro-Krise entzweiten, lassen sich schon vor zweihundert Jahren beobachten: Denn die westeuropäischen Freischärler trafen nicht auf die Nachfahren von Perikles und Platon, sondern auf eine multiethnische, tief in der byzantinisch-orthodoxen Kultur verwurzelte südbalkanische Gesellschaft.

          Grundbesitzer und Steuerpächter, Hirten und Räuber

          Für einen Historiker bietet der griechische Aufstand von 1821 Möglichkeiten der Deutung, die weit über eine eng geführte griechische Nationalgeschichte hinausgehen. Außerhalb Griechenlands blieb das 200-Jahr-Jubiläum weitgehend unbeachtet, und auf dem ansonsten so sehr auf Jahrestage bedachten deutschen Buchmarkt ist nur ein Verlag das Risiko einer neuen Darstellung eingegangen. Auch die Fachhistoriker haben geschwiegen. Und so ist „Lord Byrons letzte Fahrt“ das Werk eines Schriftstellers, der mit Griechenland und dem osmanischen Balkan bislang wenig zu schaffen hatte. Dies kann ein Vorteil sein, denn ein unbefangener Blick von außen vermag große Linien, die der Spezialist oftmals übersieht, besser zu erkennen.

          Richard Schuberth: „Lord Byrons letzte Fahrt“. Eine Geschichte des griechischen Unabhängigkeitskrieges.
          Richard Schuberth: „Lord Byrons letzte Fahrt“. Eine Geschichte des griechischen Unabhängigkeitskrieges. : Bild: Wallstein Verlag

          Inhaltlich nimmt sich Richard Schu­berth zweierlei vor: Er will den griechischen Aufstand als Tragikomödie schildern; und er will zeigen, dass es sich bei den Aufständischen um eine vielsprachige orthodoxe Gesellschaft handelte und nicht eine bereits klar ausgebildete hellenische Nation. Entsprechend widmet er dem ethnisch-kulturellen Aspekt der südbalkanischen Gesellschaften vor Ausbruch des Aufstands viel Raum. Deutlich führt er dem Leser auch die komplexe soziale und regionale Schichtung in der Region vor Augen: reiche Grundbesitzer und Steuerpächter in der Peloponnes, Schiffsunternehmer auf den Inseln des Saronischen Golfs, Hirten und Räuber im Gebirge Mittelgriechenlands, die sultansloyalen aristokratischen Phanariotenfamilien in Kon­stantinopel, Bukarest und dem moldauischen Iaşi, die venezianisch geprägten Ionischen Inseln, regionale muslimisch-albanische Warlords wie der in ganz Europa berühmte Ali Pascha von Ioannina.

          Der religiöse Gegensatz erklärt die Brutalität der Kriegführung

          Im Gegensatz zu der schablonenartigen Wahrnehmung der europäischen Philhellenen, die Griechen im Kampf gegen Türken sahen, erklärt Schuberth, dass es sich bei diesen Begriffen nicht um ethno-nationale Kategorien handelte – denn viele „Türken“ sprachen Albanisch oder Griechisch und konnten sich mühelos mit „griechischen“ Freischärlern verständigen, die oft orthodoxe Albaner (Arvaniten) waren.

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