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Richard Münch: Akademischer Kapitalismus : Gute Wünsche aus Bamberg

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Bild: Verlag

Großer intellektueller Aufwand und geringe gedankliche Stringenz: Richard Münch beweint das akademische Jammertal und stärkt sein Profil als kritischer Wissenschaftler.

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          Der italo-amerikanische Wissenschaftshistoriker Mario Biagioli sprach kürzlich über eine vertrackte Situation im amerikanischen Patentrecht: Was als Erfindung gelten dürfe, werde derzeit so neu ausgelegt, dass auch immaterielle Innovationen - etwa bestimmte Geschäftsmethoden - unter Patentschutz gestellt werden könnten. Biagioli sah darin weniger eine Anpassung an neue Technologien als eine kommerziell motivierte „Masche zur Produktion von mehr intellektuellem Eigentum“. Zugleich stellte er aber fest, dass sich die Gegner dieser Entwicklung in Widersprüche manövrierten, sobald sie das zuvor Selbstverständliche zu begründen versuchten - dass nämlich Erfindungen etwas Materielles sein müssten. Daraus leitete er einen Schluss ab, den man nur auf Amerikanisch ziehen kann: „The good guys don't necessarily have the good arguments.“

          Sucht man in Deutschland nach einer Bestätigung für diesen Satz, wird man in der Klageliteratur über den Niedergang der Universität fündig. Deren Autoren sehen sich gerne auf Seiten der „good guys“, und dies nicht ohne Grund. Im Überschwang der gerechten Empörung landen sie aber allzu oft im argumentativen Abseits. In dieser traurigen Gattung rangieren die Werke des Bamberger Soziologen und Suhrkamp-Autoren Richard Münch. In den letzten vier Jahren verfasste er nicht weniger als drei Bücher über den universitären Wissenschafts- und Lehrbetrieb, deren gemeinsames Kennzeichen großes intellektuelles Engagement und geringe gedankliche Stringenz ist. Auch Münchs vorläufig letzter Streich, eine Grundsatzkritik des „akademischen Kapitalismus“, dürfte seine Bestimmung darin finden, einer exzellenzgeplagten akademischen Leserschaft als geistiges Ventil für angestaute Frustrationen zu dienen. Ein solches Ventil mag für viele vonnöten sein, nur bläst es hier einer Auseinandersetzung mit dem Thema die Luft aus.

          Den Wandel der Universität verstehen

          Der Fluch der Quantifizierung wird von Münch mit einem Wust von Statistiken gebannt, die Einrichtung von Exzellenzwettbewerben auf die Herrschaft der Medien über die Politik zurückgeführt, und wo die Argumentation ins Stocken gerät, sprudelt die Sprache umso kräftiger weiter: „Im Zuge der zunehmenden Verflechtung der Innovationspolitik des neuen Wettbewerbsstaates und des Innovationswettbewerbs zwischen Unternehmen in der wissensbasierten Ökonomie mit der innovationsgeleiteten Forschung im Zuge der Konkurrenz zwischen unternehmerisch operierenden Universitäten entsteht eine neue Politische Ökonomie der Wissenschaft, in der die Wahrheitssuche ein enges Bündnis mit der wirtschaftlichen Profitmaximierung und der staatlichen Machtsicherung eingeht.“ Etwas schlanker formuliert: Durch die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wird die Wissenschaft mit der Politik und Wirtschaft verflochten.

          An guten Vorsätzen und interessanten Ansätzen mangelt es dem Buch nicht. Im Vorwort beteuert Münch, es gehe ihm nicht darum, den Realitäten der Gegenwart „ein normativ wünschenswertes“ Modell entgegenzustellen und „in die allseits zu hörende Klage über den Untergang der Universität im Strudel des Neoliberalismus einzustimmen“; seine Absicht sei vielmehr, den Wandel der Universität „zu begreifen und zu verstehen“. Das klingt vielversprechend, ebenso wie der Ansatz, die Umgestaltung der deutschen Universitätslandschaft in einen internationalen Kontext zu stellen. In diesem Bezugsrahmen wird zumindest ersichtlich, dass der neoliberale Umbau der Universität in Deutschland andere Folgen zeitigt als in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien, weil hier die neuen Strukturen einer „Oligarchie der Lehrstühle“ aufgepfropft werden, was neofeudale Schließungsmechanismen im akademischen Feld begünstigt.

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