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Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp : Die Umwelt muss man sich eben anzupassen wissen

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Was die Gene so alles unter sich auswürfeln: Mit fast dreißig Jahren Verspätung liegt das wohl wichtigste Buch zur Evolutionsbiologie von Richard Dawkins auch auf Deutsch vor.

          Die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erlebten eine Revolution der Biologie, die den Blick von Wissenschaftlern und Laien auf die belebte Natur radikal veränderte. Sie machte das Gen mit seinen "egoistischen Interessen" zum zentralen Konzept der Evolutionsbiologie. Die Durchsetzung dieser neuen Blickweise auf breiter Front war vor allem ein Verdienst von Richard Dawkins, der die oft in komplizierte mathematische Modelle verpackten Erkenntnisse seiner evolutionsbiologischen Mitstreiter einer größeren Öffentlichkeit bekannt machte. "Das egoistische Gen" (1976) wurde zum Bestseller und zur programmatischen Schrift der neuen Sichtweise.

          Der deutschen Leserschaft blieb allerdings jenes Buch vorenthalten, das Dawkins selbst als sein bestes betrachtet, nämlich "The Extended Phenotype" aus dem Jahr 1982. Nun liegt es zum ersten Mal auf Deutsch vor. Im Jahr seines Erscheinens war die Theorie der Gen-Auslese in der Evolutionsbiologie noch sehr umstritten. Vor allem Steven Jay Gould und Richard Lewontin von der Harvard University und die Cambridge-Schule der Verhaltensforscher stemmten sich gegen die in ihren Augen reduktionistische Theorie, die den Organismus in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt zum abgeleiteten Effekt herabstuft.

          Der Biber und sein Damm

          "The Extended Phenotype" war eine kämpferische und temperamentvolle Verteidigung und Weiterführung von Dawkins' Ideen. In ihm wird das im "Egoistischen Gen" propagierte Konzept der Gen-Auslese entschlossen ausgereizt. Wenn Gene sich mit Hilfe der Konstruktion von Organismen - "schwerfälligen Robotern" in Dawkins' denkwürdiger Formulierung - in die nächste Generation fortpflanzen, dann ist es auch plausibel, die Wirkung von Genen in von Organismen geschaffenen Artefakten oder gar dem Verhalten von anderen Organismen zu finden.

          Der Damm des Bibers ist damit ein Teil des Biber-Phänotyps, und wenn ein Drosselrohrsänger die Küken eines Kuckucks aufzieht, kommen Kuckucksgene zum Zug. Genetische Variation drückt sich beim Biber eben auch in der Qualität der Dämme und beim Kuckuck in der Wechselwirkung mit den parasitierten Wirten aus, was wiederum den Fortpflanzungserfolg der genetischen Varianten beeinflusst. Der erweiterte Phänotyp ist somit auch einer schrittweisen Änderung unterworfen.

          Teil des disziplinären Mainstreams

          Eine neue Generation von Biologen ließ sich von Dawkins mitreißen, und in der Evolutions- und Verhaltensbiologie etablierte sich das egoistische Gen samt erweitertem Phänotyp schnell als Grundlage eines produktiven Forschungprogramms. Viele Übertreibungen, vor allem die Tendenz, fast jedes Merkmal zu einer optimalen Anpassung im Dienst der Gene zu erklären, wurden später korrigiert.

          Wo steht die Theorie des erweiterten Phänotyps heute? In ihrer mittlerweile gemäßigten Form ist sie Teil des disziplinären Mainstreams geworden. Doch in den vergangenen Jahren ist ihr mit der Theorie der Nischenkonstruktion ein ernsthafter, allerdings immer noch um allgemeine Anerkennung ringender Konkurrent entstanden.

          Die Niere des Regenwurms

          Das Beispiel des Regenwurms kann zeigen, wo diese neue Theorie die Grenzen von Dawkins' Modell ausmacht. Ein Biologe, der mit der tatsächlichen Lebensweise des Tieres unvertraut ist, würde aufgrund zahlreicher morphologischer und physiologischer Merkmale Süßwasser als dessen Lebensraum vermuten. Eine solche Fehleinschätzung beruht auf der Idee, dass Organismen sich an die Anforderungen der Umwelt anpassen.

          Regenwürmer drehen dieses Verhältnis aber zum Teil um: Sie verändern durch ihre Aktivität den Boden derart, dass einige ihrer Organe und Funktionen sich nicht anpassen müssen. So wird etwa der Boden auf eine Weise modifiziert, dass er die Nierenfunktionen des Tieres unterstützt. Regenwürmer können daher mit Nieren leben, die für ihre im Süßwasser lebenden Vorfahren typisch sind und eigentlich für ein Leben an Land ungeeignet sein sollten. Beim Regenwurm gilt also nicht, dass die Vorfahren der zeitgenössischen Tiere sich schrittweise an die Anforderungen der Umwelt angepasst haben - sie haben weit eher aktiv die Umwelt und damit die Selektionsbedingungen für ihre Nachkommen verändert.

          Dawkins' wichtigstes Buch

          Dawkins' Theorie erlaubt eine solche Rückwirkung des in die Umwelt ausgreifenden Phänotyps auf die Gene und die Selektionsbedingungen nicht oder in einem nur sehr eingeschränktem Maß. Sie nimmt eine lineare Ursachen-Folge-Beziehung an; die Theorie der Nischenkonstruktion operiert dagegen mit Rückkoppelungen."Der erweitertete Phänotyp" ist vermutlich Dawkins' wichtigstes Buch geblieben.

          Auch wenn sich in den vergangenen dreißig Jahren der Kontext der Debatte um Vererbung, Gene, Auslese und Anpassung deutlich verschoben hat: durch das Auftauchen der erwähnten Nischentheorie, die Rehabilitierung lamarckistischer Ideen und die Renaissance der evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo). Das Nachwort Daniel Dennetts von 1999 gibt von diesen Verschiebungen leider keine Vorstellung. Aber behält man sie im Bewusstsein, ist die Lektüre dieses Buchs immer noch lohnenswert.

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