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Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott : Oh ihr Rennpferde, fresst einfach mehr Phrasenhafer!

Bild: Goldmann

So viel intellektuelle Schlampigkeit war selten: Richard David Precht möchte das deutsche Bildungswesen durchleuchten, funzelt aber nur mit qualmenden Klischeefackeln herum.

          Verrat, Bankrott, Katastrophe, die Titanic kurz vorm Untergang. Richard David Precht zieht bekannte Register. Die deutschen Schulen sind furchtbar. Woher er das weiß? Zunächst aus den internationalen Vergleichsstudien, die Precht aber ihrerseits auch furchtbar findet. Denn Bildung ist für ihn Persönlichkeitsentwicklung.

          Er unterscheidet dabei nicht zwischen Erziehung (absichtliche Personenveränderung) und Sozialisation (unabsichtliche). Kreativität aber und „Teamfähigkeit“, die für ihn zur Persönlichkeit gehören (Beamte, Angestellte und Arbeiter haben für ihn keine richtige), kann man nicht messen. Folgerichtigerweise müsste er die ganze Kritik, die er über Pisa-Befunde und OECD-Statistiken am deutschen Schulsystem herleitet, eigentlich gleich wieder einpacken.

          Ein Buch voller Unkenntnis

          Tut er aber nicht, der Widerspruch fällt ihm gar nicht auf. Precht ist „high in personality, but low in information“. Das meiste, worauf er sich beruft, kennt er mehr vom Hörensagen. Für den Befund, dass auf Reformvorschläge zumeist mit Schweigen reagiert wird, zitiert er beispielsweise zwei österreichische Bildungsforscher. Aber deren Buch handelt gar nicht von unterdrückten Schulreformen, sondern davon, dass die Autoren der Pisa-Studie kritikresistent sind. Oder nehmen wir sein Kapitel über Humboldt als Kronzeugen dafür, dass nicht der Stoff, sondern das Lernen des Lernens im Mittelpunkt der Schule steht. Humboldts Schule habe keiner Prüfungen bedurft, weil man die Persönlichkeit eben auch nicht prüfen könne.

          Sancta simplicitas! Ob das Lernen gelernt wurde, kann man schon prüfen. Und in den Studien Heinrich Bosses, die Precht in seiner Literaturliste aufführt, hätte er finden könne, dass Humboldt ein wahrer Prüfungsenthusiast war. Weshalb? Weil er Bildung gegen Privilegien stellte, und wenn nicht geprüft wird, geht es noch ungerechter zu als ohnehin. Das Buch strotzt vor Unkenntnis, was seine Polemik gegen den „Stoff“ in ein interessantes Licht setzt.

          Das „Klassenzimmer-Modell“ 

          Dass die deutschen Schulen im Durchschnitt schrecklich sind, weiß Precht schon vor aller Empirie. Für ihn sind der Frontalunterricht, die Fünfundvierzig-Minuten-Stunde, das Unterrichten von Jahrgängen, Zensuren, Klassenarbeiten und Hausaufgaben alles Strukturen von gestern. Warum? „Ein Blick auf die Mentalität heutiger Schüler belehrt unmissverständlich darüber. Sie lernen einen ,Stoff’, von dem sie wissen, dass sie ihn nach abgelegter Prüfung schnell wieder vergessen dürfen - was sie im Regelfall auch tun.“

          Die Rückfrage, was denn die Jahrgangsklasse mit dem Stoffpauken zu tun hat, müsste erlaubt sein. Wer Prüfungen ablehnt, weil es törichtes Prüfen gibt, müsste auch gegen Sachbücher sein. Der Nachweis, dass es törichte gibt, wird täglich geführt. Ganz zu schweigen davon, dass auch die Merkmale dessen, was Precht das „Klassenzimmer-Modell“ nennt, nicht notwendig zusammenhängen. Man kann Doppelstunden geben, die in Hausaufgaben münden, ohne dass das in Jahrgangsklassen geschehen müsste. Die Folgerung, der Unterricht sei nicht erfolgreich, also alle seine Komponenten seien abzulehnen, ist so absurd, dass man sich schon wundert, welchen Unterricht denn Precht bekam.

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